Lang lebe der C64 – Interview mit der Softwareschmiede Protovision

c64Meine Kindheit wäre ohne diesen klobigen, grauen Klotz sicherlich ein ganzes Stück trostloser gewesen: der C64, von Fans liebevoll „Brotkasten“ genannt, der erfolgreichste Homecomputer aller Zeiten. Ungezählte Nächte verbrachte ich mit Sid Meyers Pirates, kloppte in Bard’s Tale Horden von Monstern, während ich Dungeonkarten auf Karopapier malte, tauschte zigfach handkopierte Walkthroughs von Maniac Mansion auf dem Schulhof und duellierte mich mit Freunden und Feinden mittels International Karate und Barbarian. Ich hatte also eine ganz normale Nerdkindheit in den 80ern, die aus 64000 Pixeln und SID-Sounds untermalt von einem ratternden Commodore 1541-Diskettenlaufwerk bestand – man nannte solche Menschen damals übrigens Computerkids. Irgendwann wanderte der C64 dann auf den Speicher, aus Homecomputern wurden hässliche Personal Computer und es bleiben nur Kindheitserinnerungen an die vierfarbigen Sprites.

Pustekuchen. Wer meint, der C64 sei tot, den kann man auf die Enthusiasten von Protovision verweisen, einer Softwareschmiede, die tatsächlich noch neue Spiele für den C64 produziert und vertreibt. Via Email habe ich mich mit Tim Jakob Chen-Voos aka Jak T Rip (JTR) , Organisator und Programmierer bei Protovison, kurzgeschlossen, um von ihm mehr über dieses außergewöhnliche Projekt zu erfahren.

Wer bist Du? Und was ist Protovision?

JTR: Ich bin einfach jemand, der begeistert ist von einer alten Maschine, dem Commodore 64 von 1982. Der ganz spezielle Klang, die Farben und vor allem die Unkompliziertheit dieses Computers machen ihn für mich geradezu liebenswürdig.
Protovision ist eine Gruppe von Enthusiasten, die für den C64 Spiele auf hochwertigem Niveau produzieren. Wir wollen zeigen, dass der C64 nicht tot oder vergessen ist und auch heute noch Spaß macht.

Welchen Stellenwert haben Computerspiele für Dich (und in der Gesellschaft allgemein)?

JTR: Das ist eine knifflige Frage. Ich selbst bin natürlich leidenschaftlicher Spieler und glaube, daraus viel für mein Leben gewonnen zu haben: strategisches Denken, Kreativität und in einigen Lebensabschnitten auch eine Art Halt. Spiele sind, wenn sie gut sind, anregende Zerstreuung. Mir persönlich gefallen vor allem Spiele, die mehrere Leute zusammenbringen. Zusammen lachen und Spaß haben – das ist vielleicht noch wichtiger als das Spiel selbst. Deswegen sehe ich die Entwicklung hin zu Mehrspieler-Onlinespielen sehr kritisch. Da sitzt man nicht mehr am gleichen Tisch, man steht sich nur noch virtuell über Chaträume gegenüber, versauert aber eigentlich alleine irgendwo. Das finde ich schade.
Für uns bei Protovision steht die Kreativität im Vordergrund. Wir setzen Ideen um, gemeinsam. Wir sehen uns als Erfinder und – so überzogen es auch klingt – als Pioniere.

Was glaubst Du treibt Menschen an, heute noch Software zu entwickeln für ein – zumindest scheinbar – totes System, in einer Zeit, in der selbst Onlineflashspiele aufwändiger und komplexer sind? Worin liegt der besondere Reiz, ausgerechnet für den Brotkasten zu coden? Wie groß schätzt Du die Szene ein?

JTR: Es gibt heute geschätzt 5000 Leute, die ihren C64 aktiv nutzen, einige mehr, die über Emulatoren C64-Spiele spielen und noch viel mehr, die C64-Musik hören oder den C64-Soundchip bei eigenen Musikproduktionen nutzen. Diese Leute würde ich allerdings nicht alle zur „Szene“ zählen. Der harte Kern der C64-Szene ist Ende der 90er zusammengebrochen, sein einigen Jahren kommen aber wieder viele zurück oder werden jetzt erst auf den C64 aufmerksam. Tatsächlich ist die Szene also wieder im Wachstum begriffen.
Das Coden auf dem C64 ist zu einer Art Kunstform geworden. Man versucht, Dinge zu programmieren, die noch nie jemand zuvor programmiert hat. Schneller, effizienter, oder einfach nur: wunderschön anzusehen. Bis heute werden immer neue Dinge über den C64 herausgefunden und neue Effekte programmiert, die noch vor einigen Jahren als unmöglich galten. Es ist eine Art Forschungsdrang, der für einen großen Teil der Begeisterung verantwortlich ist, die die C64 Szene am Leben hält.

C64_startup_animiertWarum gerade der C64? Nun, dafür gibt es viele, teils sehr persönliche Gründe. Ich sage es mal so: Ich schalte meinen C64 an und muss nicht eine Sekunde warten, bis er betriebsbereit ist. Ich starte ein Programm und weiß, es wird sich so verhalten, wie ich es gewohnt bin. Keine bösen Überraschungen. Die Bedienung ist einfach, es gibt weder Viren noch komplizierte Einstellungen. Die Erweiterungen für den C64 benötigen keine Treiber. Man schließt sie an und sie funktionieren einfach (bis auf wenige Ausnahmen, Drucker sind die Hölle am C64, aber das hat lösbare Gründe). Ausserdem benötigt der C64 gerade mal so viel Strom wie ein-zwei Glühbirnen. Diese Dinge für sich genommen hören sich doch eher nach einer zukunftsweisenden Technologie an und nicht nach einem vorsintflutlichen Etwas, oder? Und so empfinde ich sie auch. Wenn ich an heute modernen Computern arbeite, muss ich ständig mit den Augen rollen, weil ich weiss, wie effizient diese Dinger sein könnten, es aber nicht sind.

Das Programmieren auf dem C64 ist auch deswegen spannend, weil es endliche Ressourcen gibt und man gezwungen ist, über eine effiziente Programmierung nachzudenken. Gleichzeitig sind Erfolge viel schneller sichtbar. Und das System ist überschaubar. Man hat alles unter Kontrolle und obwohl auch der C64 schon recht komplex ist, ist es doch noch möglich, mit einem einzigen Gehirn alle Zusammenhänge zu verstehen und darauf zu reagieren.

Newcomer
Screenshot aus Newcomer
Onlineflashspiele sollen aufwändiger sein als ein C64-Spiel? Das gilt sicher nicht für alle C64-Spiele. Unser „Newcomer“ war über 10 Jahre in Entwicklung. Es ist eines der umfangreichsten Spieleprojekte aller Zeiten. Es ist eine Art Rollenspiel-Adventure, allerdings ohne chronologischen Ablauf. Es gibt so viele Situationen und Möglichkeiten, dass, selbst wenn man den optimalen Lösungsweg spielt, man gut eine Woche bräuchte, um das Spiel zu beenden. Und dann hat man nur eine Variante des Spiels gespielt. Nein, es gibt sehr aufwendige und komplexe C64-Spiele. Natürlich gibt es (vor allem in den letzten Jahren, weil es regelmäßige Wettbewerbe für „kleine“ Spiele gibt) auch unzählige kleinere Games, die meist einfach nur kurzweiliger Spaß sind, ähnlich wie Flashspiele.

Tasächlich verkauft Protovison die Titel ja auch – physikalisch und auch zum Download. Ist das eher ein symbolischer Akt oder kommt da wirklich was bei rum?

JTR: Es ist eher symbolisch. Niemand von uns verdient wirklich Geld mit den Spielen. Das was wir einnehmen, fließt im Grunde in Werbung. Wir halten die Flagge hoch und zeigen: C64-Spiele kann man noch kaufen! Auf Diskette in einer Box! Oder als Download. Das wirkt viel mehr, als wenn wir die Sachen einfach nur kostenlos online stellen würden. Wir sind sehr stolz darauf, dass immer wieder über uns berichtet wird. Sogar in den Simpsons gibt es in einer Folge einen „Protovision“-Stand auf einer Computerspielemesse. So etwas kann man seinen Enkeln erzählen, wir sind berühmt!

Es gibt ja eine Unzahl von Emulatoren und auch Remakes oder Wiederauflagen von alten Titeln für moderne Konsolen. Funktionieren die alten Games zeitlos oder ist das einfach nur ein bisschen Nostalgie?

JTR: Natürlich funktionieren Spiele zeitlos. Ich verstehe die Diskussion gar nicht. Niemand würde darauf kommen, zu denken, dass „Skat“ nicht mehr zeitgemäß ist oder „Verstecken spielen“ irgendwann nicht mehr gespielt wird – die Konzepte sind zeitlos. Einfache Spiele können sehr viel Spaß machen. Komplexe auch. Ich empfinde heutige Spiele oft als zu ähnlich. Sie sehen ähnlich aus – alle 3D (oft nutzen sie die gleiche Rendering-Engine), alle fühlen sich ähnlich an, weil die Abfragen von den Kontrollern standardisiert sind, und es haben sich die immer gleichen Grundspiele in verschiedenen Variationen durchgesetzt. Echtzeitstrategie, Aufbausimulation, Egoshooter, Sportspiele. Auf dem C64 gibt es ein Spiel, da steuert man einen Mammut auf einer Eisscholle, der dafür Sorge tragen muss, dass niemand von der Scholle fällt. Es ist zugegebenermaßen ein verrücktes Spielkonzept, aber ist ist etwas eigenes, kreatives. In diesem Sinne finde ich 90% der Vollpreisspiele heute gähnend langweilig. Es wird viel zu viel Wert auf das Drumherum gelegt, nicht auf den Kern, den Spielwitz. In dieser Hinsicht sind viele der kleineren Flashspiele, aber eben auch die alten Klassiker, heutigen Spielen weit voraus. Es überrascht mich nicht, dass sie deswegen auch heute noch beliebt sind.
Schade ist natürlich, wenn sie nicht gut umgesetzt werden. Das Original „Pac-Man“-Spiel hatte unendlich viel Feinschliff. Die Steuerung geht leicht von der Hand, weil die Abfrage des Joysticks sehr ausgeklügelt funktioniert. Pac-Man wirkt viel simpler als es ist und wenn man es dann simpel kopiert und keinen Erfolg damit hat, besteht die Gefahr, dass das Spielkonzept und nicht die Implementierung in Frage gestellt wird.

Was waren Deine absoluten Gaming-Highlights am C64? Spielst Du auch aktuelles Zeug?

JTR: Klar, AKTUELLE C64-Spiele 😉

Meine persönlichen Highlights (viele davon sind unbekannt):
1. Ultimate Tron II (*6* Spieler zwängen sich um EINEN C64, jeder hat zwei Tasten – ansonsten eben Tron!)
2. Turrican (die Atmosphäre der C64-Originalversion ist bei diesem Shooter unübertroffen)
3. Kings of the Beach (die beste Beachvolleyball-Implementierung auf einem Computer!)
4. Creatures (Jump’n’Run mit knuddeligen Kreaturen und gespickt mit vielen weiteren Rätseln)
5. Spherical (sehr eigenes, gut durchdachtes Spielkonzept)
6. Crillion (sehr eigenes, gut durchdachtes Spielkonzept)
7. Weaver 2 (gute Mischung aus Action und Taktik)
8. Enforcer (es gibt kaum ein Spiel, das so mitreißt!)
9. Traffic (Man sieht eine Stadt von oben und schaltet Ampeln um, damit kein Stau entsteht. Sehr gute Umsetzung.)
10. Ramparts (eine Mischung aus Burgenschlacht und Tetris, könnte man sagen)

Und natürlich unsere eigenen Kreationen:
1. Newcomer (…hat keine Konkurrenz…)
2. Bomb Mania (einfach aber sehr großer Spaß)
3. Ice Guys (zu zweit unglaublich lustig)

Ansonsten spiele ich hautpsächlich die (oft sehr guten und musikalisch an den C64 angelehnten) Flash-Spiele von Nitrome.

Nehmen wir an, Du müsstest mich von der Qualität und der Innovation der neuen C64-Titel überzeugen. Welches Eurer Spiele sollte ich mal antesten?

Screenshot aus Ice Guys
Screenshot aus Ice Guys
JTR:Kommt auf den Blickwinkel an. Newcomer ist überragend, weil es sehr schöne Grafik besitzt und eine nie dagewesene Flexibilität in der Spielführung aufweist.
Bomb Mania und Tanks 3000 sind absolute Partyhits. Wenn man 4 Spieler zur Verfügung hat, sind sie die erste Wahl.
Ice Guys hatte seinerzeit technisch Maßstäbe gesetzt, weil wir eine Möglichkeit gefunden haben, digitalisierte Musik ohne Rauschen auszugeben.
Advanced Space Battle ist ein solides Weltraumstrategiespiel für zwei Spieler.
Jim Slim in Dragonland, unser neustes Spiel, ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber sehr schön gemacht in Bild und Ton. Wenn man sich an die eigenwillige
Steuerung heranwagt, ist es top. Wenn man nach wenigen Versuchen das Handtuch wirft, ist es ungeeignet.

Also:
Rollenspiel/Adventure -> Newcomer
Party-Action -> Bomb Mania, T3000, Ice Guys
Strategie -> ASB
Action mit Kniffelfaktor -> Jim Slim

Ice Guys ist mittlerweile übrigens Freeware.

Wer jetzt übrigens Lust bekommen hat, seinen C64 zu entstauben und instand zu setzen, findet bei Protovision auch Hardware.

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Genervt vom ewigen Weihnachtsmarkt-Glühweingedudel und dem fliegenden Nikolaus haben wir die nervig-schönste...