Schlecht gelaunt in: Fulda

Schlecht gelaunt in: Fulda.

Disclaimer:
Die Schlecht gelaunt-Reiseberichte sind subjektive, misanthropisch gefärbte und vollkomme undifferenzierte, stellenweise halluzinierte Schilderungen über unmotiviertes Herumtrotten in der Fremde. Wer sich berufen fühlt, seine Region/Heimatstadt aus albernem Lokalpatriotismus heraus verteidigen zu müssen, kann dies gerne tun und uns schreiben. Wir druckens dann fein säuberlich aus und schmeißens weg. Versprochen.

fulda
Man könnte meinen, wenn einen die Profession seit geraumer Zeit mehrmals jährlich für ein paar Tage in eine bestimmte Stadt zieht, baue man vielleicht eine gewisse Beziehung zu der Stadt auf, und sei es nur eine Hassliebe.
Nun, bei Fulda und mir ist das nicht der Fall. Fragen wie “Wie ist’s eigentlich in Fulda?” beantworte ich meist mit einem Schulterzucken. Sicher, man könnte sagen “Spießig!” oder “Sehr pittoresk!”, aber wenn ich mich schon zu einem gesprochenen Statement durchringe, dann lautet das meist: “Man isst dort erstaunlich billig.”

pgasseDen ersten Fail des Tages an meinem, mmh, zehnten Tagesausflugs in die neuntgrößte Stadt des siebtgrößten Bundeslandes leiste ich mir hingegen selbst, und auch er hat mit Essen zu tun: Beim Mittagessen im Xappas entscheide ich mich für ein Jägerschnitzel. Das Xappas ist ein kleines, rein veganes Restaurant, nett umschrieben urgemütlich eingerichtet, mit nettem und sehr freundlichem Personal, sowie Club-Mate auf der Karte. Schwerpunktmäßig gibt’s auf der Karte asiatische Küche, die Belegschaft stammt, soweit ich richtig informiert bin, von den Philippinen. Welcher Teufel mich geritten hat, da ein deutsches Gericht zu bestellen, weiß derselbige. Wahrscheinlich waren es die Pommes als Beilage, denen ich nicht widerstehen konnte. Ich kann jetzt nicht sagen, dass das superscheisse geschmeckt hat, aber eine Jägersauce möchte ich auch in der veganen Variante nicht mit Kokosmilch zubereitet haben. Naja. Veganes Schnitzel an sich war super, die Pommes auch. Der Preis von knapp 6 Euro ist natürlich gigantisch günstig.

Fulda ist ganz furchtbar katholisch geprägt. A. hat mir erzählt, dass ein Schlecker-Markt, der in einem Gebäude eingemietet war, welches der Kirche gehört, keine Kondome verkaufen durfte. (Habe ich natürlich, wie immer bei guten Geschichten, nicht recherchiert, nicht, dass es nachher nicht stimmt, und ich könnte es nicht schreiben.) Wenn man lustig Bier trinkend vorm Fuldaer Dom rumsitzt und gerade nicht von den Ordnungshütern wieder verscheucht wird, dann begegnen einem viele Touristen, die alle vollkommen identische Bilder vom Dom machen. Die zeigt man dann zu Hause, und sagt: “Das war der Dom, in Fulda, wunderschön.” Man könnte sich auch die Arbeit sparen und einfach ein Bild aus dem Internet vom Dom nehmen.

Ich habe aber auch lieber selber eins gemacht, um meinen Instagram-Freunden zu zeigen, dass ich auch rumkomme in der Welt.

Gegenüber vom Dom ist das Stadtschloß. Das ist sowas wie das Rathaus, also der Sitz derStadtverwaltung, mit einem entscheidenden Unterschied. “Andere Städte haben Rathäuser, da wird beraten, wir haben das Stadtschloß, da wird beschlossen.”, so hat mein einheimischer Führer A. irgendjemandem zitiert, dessen Name und Funktion ihm gerade nicht einfiel.
Wenn man also lustig Bier trinkt, und man trinkt dann ja gerne ein lokales Bier, dann kauft man Hochstift. “Das Bier für die Menschen von hier!” ist der xenophobe Slogan, mit dem die Hochstiftliches Brauhaus Fulda GmbH wirbt. Der Claim ist ja mal auch richtig scheisse. Geschmacklich ist es im guten Mittelfeld, ein mildes, schaumiges Pilsbier.

Weil man in Fulda so billig isst, isst man oft, und am Abend zieht es unsere kleine Gruppe in die Fußgängerzone in den Außenbereich eines Lokals namens Restaurant zum Goldenen Rad, von den Betreibern wie vom Fußvolk zärtlich Rädchen genannt. Nicht schlecht: sechs Getränke bestellt, drei Sachen falsch gebracht. Muss man auch können. Linsencurry gibt es nur saisonal. In der Linsensaison halt. Von mir verzehrt werden wollte eine Gnocchi-Pfanne mit Blattspinat mit Ciabatta. Das hat geschmeckt, auch wenn ich das drübergestreute Grünzeug als etwa too much empfand. Kostete Sechsfuffzisch. “Man isst dort erstaunlich billig.”
gnocci

Abends hängt man in Fulda im Park ab, weil es nichts anderes gibt. In der angrenzenden Orangerie ist, wenn man Glück hat, eine Hochzeitsgesellschaft eingekehrt, und man kriegt auf diese Weise gratis Schlagermusik zum mitgebrachten Hochstift. Zu sehr später Stunde zog dann auch mal eine Gruppe von gefühlten hundert Jugendlichen am Park vorbei und skandierte “Willkommen in Fulda.” Die Hintergründe dieses merkwürdigen Chors blieben uns allerdings verborgen.

Auf dem Nachhause-Weg zur WG, wo die Schlafplätze warteten und während wir uns bereits in der emotional aufwühlenden Gruppenauflösungsphase befanden, begegneten uns zwei unterschiedliche Arten von Kleingruppen: extrem betrunkene, lärmende Jugendliche und Bullen. Beide gilt es natürlich tunlichst zu vermeiden, und zum Glück sind die ja auch mit sich selber und gegenseitig auch gut beschäftigt. Das Abschlussbier gibts auf dem WG-Balkon. Wieder einmal Fulda. Bis zum nächsten Mal.

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