Ab ins Tiefe – Kindheit im Freibad (I)

Früher mal, als die Menschen im Schnitt nur so knapp 20 Jahre alt wurden und von Pest, Cholera, Läusen oder der katholischen Kirche hingerafft wurden, galt Baden an sich als sehr unschicklich. Irgendwann setzte dann aber wohl ein Umdenken ein und man errichtete öffentliche Badeanstalten, und fortan pilgerten die Menschen zu Millionen in die Frei- und die Zahlbäder, in die Volksbäder. Nun hatte auch dann auch endlich die Unterschicht eine Möglichkeit zur Körperpflege und konnte sich Kohlestaub und Pferdedung von der geschundenen Haut waschen.

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Obwohl ich natürlich eine saubere Unterschicht begrüße, gehe ich schon seit Jahren nicht mehr ins Freibad. Ich halte das Baden mit anderen Menschen zusammen nämlich auch für unschicklich, wenn die einzige Möglichkeit, das Planschen hygienisch zu gestalten darin besteht, eine Menge Chlor ins Wasser zu kippen.
Als Kind freilich, wenn einem Chlor pupsegal ist, findet man das toll, und so war ich in meiner knirpsigen Phase ein fröhlicher Besucher unseres dörflichen Schwimmbads. Das war nicht nur ein Ort der Ausgelassenheit und des Juchzens, sondern auch ein Ort des Lernens, an dem mir allerhand Nützliches beigebracht wurde.
In erster Linie war das natürlich das Schwimmen, und auch wenn ich seit Jahren nicht mehr geschwommen bin, hoffe ich doch, dass Schwimmen wie Radfahren ist, und man sowas einfach nicht verlernt und ich immer noch bestens auf Schiffsunglücke etc vorbereitet bin. Außerdem kann ich mich mithilfe eines winzigen Handtuchs, galant um die Hüfte gewickelt, auf der Liegewiese umziehen, ohne das mein nacktes Hinterteil in der Gegend herumblitzt – hey, wir waren schließlich nicht in der DDR.
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Gelernt habe ich aber auch Quatsch, der mich mein Leben lang verfolgte. Wie zum Beispiel, dass man nicht ins Wasser gehen darf, sondern eine halbe Stunde warten muss, nachdem man eine halbe, von zu Hause mitgebrachte Stulle gegessen hat. Eine halbe Stunde Kinderzeit, das sind circa 14 Tage nach Erwachsenenmaßstäben.

Ein großes Phänomen, sozusagen die Magie des Freibads, liegt natürlich nicht im dümmlichen Rumgeplansche im Wasser, oder dem Geblöke des Bademeisters (der dritten Autorität im Dorfe neben dem Pfarrer und dem Herr Lehrer) oder der romantischen Fleischbeschau auf der Liegewiese, und mit Sicherheit nicht an den halben, von zu Hause mitgebrachten Stullen, sie lag in den Schwimmbad-Pommes. Landauf und landab sind alle Menschen davon überzeugt, dass es in ihrem Schwimmbad die besten Pommes der Welt gab. Sie haben natürlich alle unrecht. Die besten Pommes gab es in MEINEM Schwimmbad. Ich könnte hier jetzt natürlich ins Detail gehen und die aus Holland stammende Zubereitungsart genau erklären und warum einzig und alleine ich recht habe, aber das würde lediglich Disputanten und Besserwisser aufs Parkett bestellen, und zu diesem Tanze bin ich nicht bereit.

Der Kiosk lag an dem der Liegewiese fernsten Punkt des Schwimmbads. Man musste um das ganze Becken herum, und man durfte auch nicht über die Mauer steigen: hei, das gab Ärger, wenn einen der Bademeister, ein bierbäuchiges Männlein mit rotem modischem Sommerhut und silberner Trillerpfeif erwischte. Einen Grund, nicht über die knapp einen Meter hohe weiße Mauer zu steigen und damit gut einen halben Kilometer Fußweg zu sparen, gab es wohl nicht. Aber das war immerhin ein Volksbad, und Wege sind dazu da, dass man sie auch benutzt, auch wenn man über den heißen Asphalt laufen muss und sich die nackerten Füße verbrennt.
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Weil alles sein Gutes hatte, wohnte auch dem langen Weg zum Kiosk ein besonderer Zauber inne. Fast alle Menschen im Schwimmbad tranken nämlich Fanta aus grünen Glasflaschen, welches die Kioskbesitzerin mit 20 Pfennig bepfandet hatte. Gut gestellte Bürger des Dorfes dachten gar nicht daran, diese Flaschen zurück zu bringen, sondern pfefferten sie gedankenlos in die Hecken, nachdem sie an der gelben Brühe gütlich getan hatten. Mit Glück konnte man eine oder zwei Einheiten dieses grünen Goldes aus dem Astwerk der Büsche längs des Weges zum Kiosk angeln. Die Kioskfrau tauschte diese mit einem gutmütigen Lächeln auf den Lippen gegen allerlei Süßkram um. Bereits eine gefundene Flasche war zwei weiße Schaumgummimäuse wert! Noch heute erzählt man gar voller Ehrfurcht von jenen Helden dieser glorreichen Kindertage, die es schafften, eine der legendären Portionen Fritten nur gegen Flaschenpfand zu tauschen.

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Mildred Adams Fenton (1899–1995) war Geologin und Dinosaurierforscherin. Als Coautorin fungierend schrieb…