Bitte recht freundlich – warum ich immer scheißenett bin.

haveniceday

Ich bin immer und zu allen Gelegenheiten total freundlich, nett und rücksichtsvoll. Busfahrern nicke ich beim Aussteigen mit einem leichten Lächeln auf den Lippen zu, nachdem ich beim Ticket lösen schon dem Fahrziel “Neunkirchen!” ein “Bitte!” nachgeschoben habe, als könne man die beiden Wörtern gar nicht losgelöst voneinander sagen. Im Bus oder Zug justiere ich die Laustärke meiner mp3-Abspielgeräte so, dass ich keinen anderen Fahrgast belästige. An der Kasse lasse ich stets alle vor, die eine signifikante Anzahl von Artikeln weniger als ich im Einkaufskörbchen haben, während ich stets mit einem “Danke, aber ich habe Zeit” ablehne, selber vorgelassen zu werden, wohlwissentlich, dass es halt mal scheissegal ist, ob ich acht oder zwölf Minuten im Supermarkt verweile. Den Beschäftigten an der Kasse wünsche ich einen schönen Feierabend, sollte ich nach 18:30 Uhr einkaufen. Später als eine Viertelstunde vor Ladenschluss betrete ich keine Einkaufsmöglichkeit, um das Personal nicht unnötig zu stressen, und damit sie zeitig nach Hause zu ihren Liebsten kommen. Kellner und Kellnerinnen erhalten fürstliche Trinkgelder von mir, und Beschwerden wegen irgendwelchen Nichtigkeiten auf unterbezahlte Servicekräfte abzufeuern, liegt mir so fern wie Urlaub in Ostdeutschland. Wie Helden behandele ich Taxifahrer und Pizzaboten, die mich nach durchzechten Nächten ins Bett bringen oder mir italienische Köstlichkeiten liefern.

Und das tue ich, ganz gleich was das für Arschlöcher sind. Grimmelwütigen Busfahrer, die wortlos mit einem Ausdruck der Verachtung in den Hängebacken einem Wechselgeld und Ticket hinhalten, gegenüber ebenso wie anderen Fahrgästen, auch wenn sie lautstark ihre eigene Dummheit in Form von Lästereien herausposaunen. Auch wenn im Supermarkt der Kunde vor mir seinen 99 Cent Einkauf mit der Karte zahlt, nachdem er sich vorgedrängelt hat, ja auch dann bin ich nett. Ebenso zu den Kassiererinnen, auch wenn sie ohne Rücksicht auf das Einräumtempo der Oma vor mir stoisch die Waren weiter über das Band ziehen und dann auch genervt gucken, wenn der betagte Dame ob der Belastung der kalte Schweiß ausbricht. Kellner und Kellnerinnen, oft gelangweilte Studierende oder gar Absolventen der Geisteswissenschaften, die ihre Abscheu gegenüber ihrer Jobsituation im Service mit dem Abliefern desselbigen in seiner perversesten Form ausdrücken, erhalten ihr Bakschisch. Taxifahrer, die mir ihr kleinbürgerliches Wesen nachts auf endlosscheinenden Fahrten in endlosen Monologen aufs Brot schmieren (ungefragt selbstverständlich) und Lieferboten, die nach stundenlangem Warten aufschlagen und statt einer netten Entschuldigung den Salat vergessen haben…zu allen bin ich freundlich, nett und rücksichtsvoll. Aus einem einfachen Grund: solange die Welt von einem derartigen Übermaß an Volldeppen bevölkert ist, ist der Leitsatz “Wie Du mir, so ich Dir!” einfach nicht alltagstauglich.

Mehr checken...
Mehr checken...
„Keine Termine und leicht einen sitzen.“ Glücksbegriff nach Harald Juhnke Hinterwaldfest Püttlingen…