Warteschlangentheorie

warteschlange

Ist der menschliche Geist nicht wie ein farbiges Barbecue aus Wundertüten? Die Warteschlangentheorie gibt es tatsächlich als Gebiet der Stochastik (eine Wissenschaft, deren Praktizierende den ganzen Tag nichts anderes machen außer würfeln, Münzen werfen und Reißzwecke wegschleudern, um zu gucken, auf welcher Seite sie landen).

Gemalt und hübsch benannt sehen die Komponenten eines Wartesystems etwa so aus:

800px-Warteschlangentheorie

Die Warteschlangentheorie beschäftigt sich also damit, wie man Verkehrsleitsysteme optimieren kann, wo wir landen, wenn wir ein Callcenter anrufen, unseren Wartezeiten beim Rumsitzen bei der Agentur für Arbeit und auf dem Postamt. Und im Supermarkt.

Kurz: die Warteschlangentheoretiker kontrollieren mit ihren Versuchen und Ergebnissen etwa 90% unserer Freizeit.

In Anbetracht der Tatsache, wie desaströs scheiße es so in Warteschlangen läuft, lässt das eigentlich nur wenige Schlüsse zu:

a) Es gibt nicht genug Forschungsgelder für Warteschlangentheoretiker.

b) Keiner hört auf sie.

c) Sie sind vollkommen unfähig.

d) Sie sind alle Sadisten oder Misanthropen.

Im Zuge der Recherche über Warteschlangentheorie habe ich mir meine schlaue Brille angezogen und einige Aufsätze darüber gelesen. Verstanden habe ich nichts, und furchtbar gelangweilt hat es mich obendrein. Einziger interessanter Faktenquatsch für mich:

Man hat zwei Warteschlangen im Supermarkt: bei einer stehen fünf, bei der anderen acht Menschen an. Entscheidet man, sich bei der mit fünf Leuten anzustellen, dann wartet man in 25% der Fälle länger, als wenn man sich in die Schlange mit acht Leutchen einreiht.

Der praktische Nutzen dieser Erkenntnis ist natürlich gleich null, abgesehen davon, dass man vorher der Meinung war, dass es bei 100% der Fälle so ist, dass man sich eh immer dummerweise an jene Kasse anstellt, an der man am längsten warten muss, gleich wie viele Menschen da vor einem stehen.

Dass Warten an der Kasse etwas Schlechtes ist, ist ja einer der größten Irrtümer des Homo Modernicus, größer vielleicht sogar als der Fehlschluss, man müsse unbedingt Filme in 3D drehen/gucken. Tatsächlich verpasst ein Großteil der Menschheit einfach nichts, bloß weil sie ihre Zeit an einer Supermarktkasse verbringen statt mit ihren sonstigen Belanglosigkeiten.

Wirklich schlimm sind ja nicht Wartezeiten, sondern die Mitwarter. Weil die geflügelten Dämonen, die in den Supermarktketten die Regale einräumen, vorne an den Kassenbereich Süßkramkleinigkeiten hinstellen, quengeln Kinder an der Kasse und nerven. Um die Nerven wieder zu beruhigen sind zum Glück auch Schnaps und Kippen gleich vorne in Griffreichweite. Smalltalk in der Warteschlange ist netterweise allgemein verpönt, wie Smalltalk an allen Orten verpönt sein sollte, an denen man sich als unbeteiligter Dritter jenem nicht entziehen kann. Der enormen Einschränkung, dass der Mensch seine Ohren nicht zumachen kann, sollte man mit gesteigerter Rücksichtnahme begegnen. Statt böse dreinzuschauen, kann man an was Schönes denken oder kreativ sein.

Die Wartezeit in der Schlange sinnvoll nutzen, das ist das Geheimnis, welches uns die Warteschlangentheoretiker doch voreinthalten. Vorschlag von abgepudert, wenn die Wissenschaft hier schon versagt: einen Roman schreiben.

Wer nur dreimal in der Woche für 4-7 Minuten im Supermarkt wartet und in dieser Zeit zwei bis drei Sätze schreibt, der hat möglicherweise schon nach 15 Jahren einen neuen Klassiker der Weltliteratur geschrieben, während andere die Zeit mit säuerlich aus der Wäsche gucken verbracht haben.

One Comment
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1. Habt Ihr schon einmal bemerkt, dass sämtliche Einrichtungen, die ihre Urheber...