Fiese Texte: „Denen, die der Ruhe pflegen, kommen manche ungelegen“

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Ich erinnere mich ja an nicht besonders viel aus meinem Studium, aber noch recht genau daran, dass mich mein Lieblingsprofessor einmal als Phlegmatiker bezeichnet hat. Damals hätte mich beinahe darüber aufgeregt, heute sehe ich das hingegen als großes Kompliment.

Ruhe bewahren könnte beinahe voll im Trend sein, denkt man an die letztjährige Schwemme der noblen modifizierten britischen Propaganda-Plakate mit dem schicken “Keep calm and …”, die
uns auf den sozialen Netzwerke überrollte. Scheinbar dienen sie in all ihren Variationen aber nur als inhaltsloses Mantra der gehetzten und hetzenden Facebook-Meute, nicht mehr als ein Lippenbekenntnis, während sie aufgeregt hin und her laufend virtuelle Säue durchs digitale Dorf treibt. Mit erstaunlichem Nichterfolg, wohlgemerkt.

Kaum ein Shitstorm, das primäre Waffensystem der empörten Tastaturrebellen, hatte irgendeinen nachhaltigen Effekt. Der Online-Versandhändler mit den miesen Arbeitsbedingungen fährt noch ein Plus ein, Bahn und Telekom kümmert’s eh nicht, und dem Versandhändler mit dem palindromischen Namen beschert ein umstrittenes Shirt einen Verkaufschlager.

Beinahe könnte man frustriert sein. Hat das Netz versagt? Oder besteht es gar doch aus einem einfach völlig unwichtigen, in der eigenen Filterblase gefangenem und sich somit hoffnungslos selbst überschätzendem Haufen, der einfach nur sehr lautstark ist? Da möchte ich mich noch nicht festlegen. Froh bin ich allerdings schon etwas darüber, dass ein wütender Internetmob nicht die Welt gestaltet, in der ich lebe.
Zur Metamorphose des netten Breitbanduser-Kollektiv zum mistgabelschwingenden Haufen Arschgesichter fehlt halt nicht viel: mal ein neues Asylbewerberheim in Trottelfurt-Dickeiern gebaut, ein paar Mal das Wort “Neger” aus einem Kinderbuch gestrichen oder auch einfach der dämlichen Falschmeldung aufgesessen, dass Berlin das Weihnachtsfest abschafft.
Das ist zwar schlimm, aber das sind ja nur die üblichen dämlichen Zuckungen der Doofdeutschen, die Facebook als Empörungsplattform für sich entdeckt haben, sollten sie auch den leisen Verdacht haben, dass irgendjemand ihnen an die Sozialhilfetöpfe, die Butter auf dem Brot oder auch an nur die “Tradition” oder die “Identität” geht. Das sind natürlich die hässlichsten Mobs, die das Netz derzeit zu bieten kann, geradezu harmlos dagegen und eher auch von hehren Motiven angetrieben sind die Aktionen und Petitionen, die mir täglich in meinen Timelines begegnen. Mitmachen tue ich aber auch bei edlen Zielen nicht.

Manchmal, und bestimmt auch nach diesem etwas rantigen kleinem Text muss ich mir anhören, dass Nichtstun die Welt auch nicht verändert. Das ist mit Sicherheit richtig. Getreu des daoistischen Prinzip des Wu-Wei (Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt) meine ich eben auch nicht Nichtstun, sondern würde, wäre ich nicht erstens zu behäbig selbst dafür und würde zweitens es als vergebene Liebesmüh betrachten, lediglich zur mehr Unaufgeregtheit aufrufen. Und zu weniger virtuellem Maulheldentum, das eh nichts bringt und Euch, liebe engagierte Netzmenschen, irgendwann eh nur frustriert zurücklässt.

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