Luftrausers

rauser3An manchen Wochenenden gab es in der Nähe immer ein Flugplatzfest. Ich träumte immer davon, dass meine Eltern sagen: Heute ist der Tag. Du darfst mal mitfliegen. Dieser Tag kam nicht. Stattdessen wurde man mit den anderen Mittelklasse-Kids auf einen Hänger an einem Trecker gesetzt und einmal durch den Wald gefahren. Da es das Nächstbeste war, war es auch in Ordnung. Und während meine Eltern, sagen wir ein helles Weizen genossen, gab‘s dort für mich ne Limo mit dünnem Strohhalm und, wenn ich Glück hatte, eines dieser Babys (siehe Foto) für etwa eine Mark.

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Und zur Hölle, konnte man sich damit beschäftigen. Erst wollte der Flying Glider jedoch zusammengebaut werden. Und ja, dafür erfordert es eine Menge Fingerspitzengefühl, das der kleine fettfingrige, grobmotorische Roddy einfach nicht besaß. Heute muss ich gelegentlich aus professionellen Gründen welche zusammenzimmern. Und es fällt mir immer noch nicht leicht. Zusammengebaut wurde also vom großen Bruder, denn wenn man nicht eine ausgeklügelte Druck-und-Zug-Technik verwendete, knickten die Tragflächen gerne mal ein. Zugutehalten muss man allerdings, dass sie selten ganz abbrachen und sogar dann noch ganz gute Flugeigenschaften hatten. Deswegen waren die Teile eigentlich auch der Shit: Für Styropor-Abfälle waren sie gesegnet mit abnormen aerodynamischen Skillz. In meiner Phantasie bombte ich Bexbach zurück in die Steinzeit. Auch wenn die eindeutige Warpaint bestimmt kritisiert wird, erscheinen sie trotzdem heute noch im schlichten, kriegsbefürwortenden Style. Als geschulter Profi würde ich das unmodifiziert natürlich niemals in die klobigen Kinderhände geben. Stattdessen verrate ich meine Ideale und verschandele die Tragflächen mit typischen Hippie-Symbolen. Dadurch erspar ich mir immerhin die abschätzigen Blicke von irgendwelchen Besserwisser-Eltern.

Nazi-Vibe?

Vlambeer haben wegen Luftrausers Style das Internet-Äquivalent zu abschätzigen Blicken geerntet: Blog-Posts und Tweets. Das Game hätte einen Nazi-Vibe,heißt es. Der Entwickler gab dazu ein souveränes, recht einleuchtendes Statement ab. Und obwohl ich das Game ehrlich gesagt zuvor schon nicht anstößig fand, bin ich froh, mich wieder damit unverkrampft amüsieren zu dürfen. Für mich hat ohnehin jede geheime, militärische Verbrecherorganisation in Videospielen Nazicharakter. Luftrauseres ist ein Dogfight-Simulator mit WWII/Sci-Fi-geprägtem Szenario. Die virtuelle Version meiner Flying Gliders-Phantasie. Vor einigen Wochen hab‘ ich Luftrausers auf Steam für etwa 9 EUR gekauft (dafür gibt‘s auf Amazon fast ne 48-Packung FlGls). Wenige Sekunden nach dem Start musste ich feststellen, dass meine Computer-Hacker-Skillz nicht ausreichen um einen vernünftigen Fullscreen-Modus zu starten. (Anm.: beim Fact-Check hab ich die Fullscreen-Option doch entdeckt; will heißen ich war entweder zu blöd oder es wurde per Update eingepflegt.) Luftrausers kommt klar mit zirka vier Farben. Standardmäßig sind diese vier Farben irgendwo zwischen orange und braun angesiedelt, wirkt alles hübsch wie bei Sonnenaufgang. Mehr Farbmodi können freigespielt werden, sind allerdings entweder unnötig oder abstoßend.

Roddy in Bullet Hell

Sachen freispielen – für den Anfang ist das die Motivation eines Luftrauser-Piloten. Ähnlich wie bei beliebten Handyspielen à la Jetpack Joyride oder Worm Run werden zu Beginn jeder Runde drei Challenges angezeigt. Dafür bekommt man allerdings keine dämlichen Kostüme oder anderen, unnötigen Crap, sondern neue Parts für die Rausers, die das Gameplay stark beeinflussen. Die neuen Parts bestehen grundsätzlich aus drei Einheiten: Weapon, Engine und Body. Auf diese drei Einheiten kommen je fünf Teile, die alle unterschiedliche Features haben. Während die Waffensysteme Videospielklassiker wie Standard, Streuschuss oder der König der Videospielwaffen „der Laser“ sind, gibt es abgefahrene Bodys, die wenige Schüsse aushalten, aber quer durch die gegnerischen Sprites fliegen ohne Schaden zu nehmen und diese dadurch zerstören können. Oder Engines, die Schüsse nach hinten abfeuern. Mit jedem ausgetauschten Teil verändert sich außerdem immer ein Element des Soundtracks. Die Dynamik im Spielsound find ich großartig, auch wenn‘s irgendwann fast nach Dubstep klingt. Das alles sorgt für ausreichend Abwechslung, die Kernelemente eines Matches bleiben aber grundsätzlich erhalten. Senkrecht (aus einem U-Boot) starte ich in die Arena, die links und rechts offen, allerdings durch die Wolkendecke (oben) und den Ozean (unten) begrenzt. Diese Grenzen führen jedoch nicht unmittelbar bei Kollision zum Tod, fairerweise kann man sich dort ziemlich lange aufhalten, mit der passenden Kombination (Tauch-Body!) kann man sie zum taktischen Vorteil nutzen. Von allen Seiten kommen jedenfalls feindliche Luft- und Wasserfahrzeuge. Weil der Bildschirm innerhalb von Sekunden voll ist mit Bullets, kann ich nicht sicher sagen, ob es überhaupt einen Gegner gibt, der nicht schießt. Ich glaube fast, es gibt einen. Der könnte aber auch einfach selbst ein Geschoss sein. Damit es auch wirklich fordernd und spannend wird, gibt es die vielleicht wichtigste Spielmechanik: Der Rauser repariert sich nur, wenn nicht geschossen wird. Das geht alles etwa eine Minute gut (der Combocounter steht auf Max.!), dann erscheinen die ersten wirklich harten Gegner, die mich so schnell zu Klump verarbeiten, dass ich nicht mal weiß, wer`s mir besorgt hat.
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Trotz aller Widerstände hab ich die Kampagne durch und den SFMT-Mode noch freigeschaltet, in dem ich <1 Minute überlebe. Das alles hindert mich wenig daran, das Game immer mal wieder für ne wilde Runde auszupacken; nicht, um die letzten Challenges zu reißen, sondern weil ich mich immer wieder am Gameplay erfreuen kann. Luftrausers macht in einer Situation den meisten Spaß: mit Freunden auf der Couch. Stell die Parts auf Random, reich den Controller weiter, entwickele ein Trinkspiel. Instant Amüsement.

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Wow. 66:18 Sekunden. Ganz beiläufig hab ich meine Bestzeit bei Super Hexagon…