Ich war auf einer Kofferversteigerung

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Wer zur Hölle vergißt eigentlich seinen Koffer am Flughafen und holt den nicht ab? Auf die Frage habe ich auf der Kofferversteigerung in Mühlacker leider keine Antwort gefunden, aber festgestellt, dass dies wohl öfter passiert, als man meint. Fast 400 verlorene und nicht abgeholte Gepäckstücke, Kameras, Tablets, Handys, Schirme und allerei Obskuritäten wie Gardinenstangen
, Skistöcke und Rollstühle (wtf?) fanden neue stolze Besitzer unter den zahlreichen Besuchern.

Der Kick:
Man hat keine Ahnung, was in den Gepäckstücken drinsteckt. Nicht einmal die Auktionatoren selber wissen, welche Schätze einen erwarten. Das Flughafenpersonal hat die Koffer zwar auf der Suche nach Adressdaten der Besitzer geöffnet und Kram wie Medikamente, Illegales, Bargeld und verderbliches Ekelzeug entfernt, aber ansonsten können den glücklichen Kofferhunter noch allerhand Überraschungen erwarten.

Zwei Stunden vor Auktionsbeginn können die Artikel besichtigt werden – schön durchnummeriert. Allerdings darf man nur gucken, und nicht anfassen oder gar anheben. Die Profis erkennt man daran, dass sie sich schon schön Notizen machen, auf welche Exponate sie später bieten. Ich habe keinen Bock auf große, schwere Koffer und picke mir einige kleinere Trolleys und Handgepäck heraus. Zudem habe ich mir lediglich 100 Euro vom Munde abgespart, die ich für potentiellen Quatsch ausgeben kann. Und das ist erstaunlich wenig, wie ich später mit Entsetzen feststellen werde.

Die Auktion selber, durchgeführt von einem staatlich geprüften Auktionator, der in in einem unglaublich bizarren rotkarriertem Anzug mit dem Charme eines Kaffeefahrtmoderators die Bühne betritt, startet mit einer kurzen Einführung in die Regeln des Procederes. Alles wird so angeboten, wie es zu sehen ist, es gibt grundsätzlich keine Garantie auf überhaupt nix. Und man zahlt zudem noch etwa 22% auf die Auktionssumme (Gebühren und Steuern), was natürlich auch ein ganzer Batzen ist. Und bevor man näher darüber nachdenken kann, startet die Auktion mit dem Koffer Hoffer Song.

Weil mir das keiner glauben würde, habe ich das mit dem Handy gefilmt, um diesen gigantischen WTF-Moment mit der Welt zu teilen.

Und dann geht es los. Habe ich bis dahin den Auktionator noch lustig belächelt, verdient sich das rotkarierte Männlein in den nächsten drei Stunden meinen tiefsten Respekt. Im Schnitt 100 Auktionen pro Stunde wickelt der Mensch ab, redet unablässlich, rattert Zahlenkolonnen herunter und behält dabei noch Artikel und Bieter im Blick und hat auch auch noch zusätzlich den ein oder anderen Scherz im besten Fips-Asmussen-Style auf Lager. Das ist gleichsam genial wie furchtbar hektisch und nervig. Und es wird einem klar, dass die hohe Gebühr auch irgendwie eine Art Eintrittspreis ist, den man für dieses bizarre Schauspiel zahlt.
Bieternummer
Die ersten Exponate gehen über den Tisch. Dabei werden sie von einer der Hilfskräfte kurz dem Publikum präsentiert und dann prasseln schon die Gebote hernieder. Zeit zum Nachdenken bleibt da nicht. Und zum Nachrechnen ebenfalls nicht.

Will man eines der großen Überraschungseier für Erwachsene abgreifen, muss man tief in die Tasche greifen. 120-160 Euro für einen Koffer, unwesentlich weniger für Trolleys und Handgepäck bevor sich der Hammer “zum ersten, zum zweiten, zum dritten” senkt.
Bunte und schicke Gepäckstücke scheinen etwas teurer zu sein, aber die Bieter stören sich scheinbar nicht an Beschädigungen und lädierten Koffern, auf die explizit hingewiesen wird. Zumindest schlägt sich das nicht nicht wesentlich im Auktionspreis nieder. Der Zufall will es, dass meine Objekte der Begierde beinahe alle recht früh auf dem Plan standen, und mit viel Glück und der Geistesgegenwart meiner Begleiter kann ich einen Trolley für 62 Euro ersteigern – eines der billigsten Gepäckstücke, die an diesem Samstag den Besitzer wechseln. Was mich erwartet – dazu gleich mehr…
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Meinem Eindruck nach gehen die meisten Koffer und Trolleys überteuert weg, hier zahlt man klar für den Nervenkitzel und die potentiellen verborgenen Schätze. Bei den Elektrogeräten ist allerdings das ein oder andere Schnäppchen ergattert worden. Schade, dass ich tabletmäßig bereits so gut aufgestellt bin, ansonsten hätte sich z.B ein Ipad Mini für knapp einen Hunni echt gut gemacht.

Erstaunlich auch die unzähligen E-Book-Reader, die unser rotkarierter Freund stets mit “EI-BUCK AMAZOHN KEINDEL” ankündigt, und das gefühlte hundertmal. Brr.

400 Auktionen später schwirren im meinem Kopf nur noch Zahlen, der Hintern tut mir weh und ich rolle mit einem Trolley zufrieden nach Hause.

Die Enttäuschungen zuerst:
Leider fanden sich keine Obskuritäten in meinem Trolley, kein grinsender Totenschädel, kein mysteriöses Tagebuch eines wahnsinnigen Serienkillers und auch keine Goldbarren. Leider überhaupt nichts, was eine Geschichte über den Vorbesitzer erzählt. (Auch wenn wir konstruiert haben, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen russischen Ballettänzer handelt :D)
Das bizarrste Kleidungsstück war ein Bauchweg-Stringtanga für den Herrn.

Und dann das Geile:
Ich habe unbeabsichtigt einen sauteuren Prada-Koffer ersteigert. Irgendwie hat der Auktionator es wohl verschwitzt, darauf hinzuweisen, und ich habe es selbst erst gemerkt, als ich das Teil geöffnet habe. Ein netterweise vom Vorbesitzer im Koffer belassenes Echtheitszertifikat räumt dann noch alle Zweifel aus. Einige paar Schuhe, jedes Paar teurer als mein gewöhnliches Alltagsoutfit zusammengenommen und jede Menge sauteurer Klamotten. Mir schien die Sonne aus dem Hintern an jenem Tag. Weil die Klamotten allerdings für einen dünnen Zwerg geschneidert wurden und die Schuhe zwar von der Größe her passen, aber vom Style kein Stück zu mir, wandern sie mitsamt dem Koffer erneut zu einer Auktion, aber diesmal zu ebay. Wenigstens war eine tolle Mütze dabei, die ich behalten werde. UPDATE: Von wegen versteigern. Die Geschichte ist noch nicht vorbei, wartet auf Teil 2.
pradakoffer
Unterm Strich:
Wer seinen Samstag alles andere als ruhig und besinnlich verbringen möchte und ein wenig auf Kaffeefahrttrash und Wundertütenaction steht, sollte sowas mal in Erwägung ziehen. Termine findet ihr zb da.

One Comment
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Liebe Damen und Herren, es hat geklappt! Formschöne, schmackhafte Macarons ohne Eier!…