TRANSISTOR

transistor2
Ich bin eine Trailerhure. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich ein feuchtes Höschen bekam, als ich vor ca. einem Jahr den Reveal-Trailer zum Bastion-Nachfolger TRANSISTOR sah:

Handgezeichnete Standbilder, schnell zusammen geschnitten mit Gameplay, das einfach nur einen wirren und weirden Eindruck erweckte, in Kombination mit einem Song, der einfach nur perfekt passt. In dieser anderthalben Minute haben mir Supergiant Games eine Gehirnwäsche verpasst und ich hab ständig Infos zum Game und vor allem zum Release gecheckt. Jo, der Release war jetzt und mit meiner Review will ich jetzt mal abgleichen, ob das Game wirklich so dick ist wie ich es erwartet hab.

Saubere Sache

Ich mag digitale Games ja sehr gerne. Entwickler sind nicht mehr so hart abhängig von Publishern, die Games sind günstig und schnell verfügbar. Vor allem muss man sich nicht in einen unsympathischen Gamest.., Verzeihung, Gameshop begeben. Immer ein Plus. TRANSISTOR hätte aber jede noch so abgefahrene Collectors Edition verdient. Vielleicht rückt die ja noch in nem Jahr oder so nach, aber so ein stylisches Game würde sich gut machen in einer Box mit geilem Schnickschnack, Soundtrack und so weiter. Das Game erscheint für PS4 über PSN und auf PC via Steam. Hab mich für die PC Version entschieden, weil diese einige Stunden früher rauskam (oh Gott!) und ich Zeit hatte. Meine olle Playse durfte also mal wieder nur Staub fressen. Tut mir irgendwie auch Leid. Die Quittung hat mir die PC-Version gleich verpasst. Hatte auf meinem TV nur den oberen, linken Bildausschnitt zu sehen bekommen, also erstmal Troubleshooting im Steam-Forum, mich dann durch tausend Ordner geklickt, damit ich eine Eigenschaft der Transistor-Datei abändern konnte. Ich bin ein Sucker in PC-Angelegenheiten, deshalb hat mich das auch mal gerne 15 Minuten meiner Zeit gekostet. Von da an hatte ich nie wieder Probleme beim Spielen. Ich frag mich, wie kleine Studios so saubere Versionen von Games releasen, während große Titel gerade zu Release verbuggt und stellenweise unspielbar sind.

Ultrademoktratische Herrschaft der Kunst

transistor1
Endlich alle Systeme auf Go, beginnt das Spiel auch gleich völlig unvermittelt mit ner atmosphärischen Eröffnungssequenz, die gleich ganz unaufdringlich in dieses elegante Game einführt. TRANSISTOR erzählt die Geschichte von Red, einer total cuten Sängerin, deren Stimme geraubt wurde. An ihrer Seite hat sie ein übergroßes Schwert, das wohl der Transistor ist. Der Transistor steht in ständigem Dialog mit Red (auch wenn Reds Anteil an diesem Dialog eher nonverbal ist). Diese Dialoge sorgen jedenfalls maßgeblich für die Stimmung im Game und sind einfach nur jederzeit so klasse geschrieben und vorgetragen, dass ich vor Glück fast weinen wollte. Die Hintergrundstory ist etwas vage und ähnlich der Dark Souls-Community spekulieren Fans über die Details und die Message. Für mich ist es bei solchen Spielen genau so spannend, im Netz zu recherchieren wie das eigentliche Spiel zu zocken. Dennoch möchte ich die Story kurz anreissen, ohne zu viel Spekulation oder Spoiler.
TRANSISTOR spielt in der futuristischen Stadt Cloudbank. Die Stadt wird, ultrademoktratisch allerdings, von einer Künstlercrew regiert. Ein paar Separatisten, die „Camerata“ setzten einen Prozess in Gang, der die Stadt auslöscht, verändert, wie auch immer. Zusammen mit dem Transistor versuchen wir nun den Prozess zu stoppen und die Camerata zur Rede zu stellen. Oder zu töten.

Cloudbank ist ne coole Videospielstadt und sieht auch jeden Moment einfach nur sexy aus. Der Style ist zusammengeworfen aus allen möglichen Kunstrichtungen, von denen ich absolut Ahnung hab. Meine Mum hatte immer diesen Kalender an der Wand mit Bildern von Klimt, alles voller Gold und…Flächen. Und an diese Bilder erinnert mich Cloudbank, es ist jedoch weit weg von einer eins zu eins Kopie. In Cloudbank stehen überall Terminals rum, mit denen man in irgendeiner Form interagieren kann. Ich kann nur empfehlen alle Terminals mitzunehmen, gerade gegen Ende hatten die Entwickler coole Ideen im Umgang mit den Terminals. Unter anderem wird anhand dieser Terminals klar, was ich mit ultrademokratisch meine. Das Setting TRANSISTORs ist einfach nur stimmig.

Diese Review kommt so spät, weil ich mich kaum getraut hab, sie zu schreiben. Ich sorgte mich, dass ich nicht gescheit die Spielmechanik von Transistor rüberbringen könnte, da ich selbst ewig brauchte, um durchzublicken. Als meine Freundin allerdings TRANSISTOR für einen Screenshot-Run startete, war es an der Zeit, mein Wissen weiterzugeben. Was soll ich sagen, Mel hatte das alles dann auch auf Anhieb gut im Griff. Ich versuche hier nun mal, alles kurz anzureißen.
transistor3
Ganz wie Bastion ist TRANSISTOR ein isometrisches Actiongame mit RPG-Anleihen, spielt sich Diablo-Hack’n’Slay-mäßig. Man hat vier Aktiv-Slots, die am Controller den vier Frontbuttons zugeordnet sind. Diese kann man frei belegen mit immer neuen Skills. Diese Skills sind in den Aktiv-Slots meistens verschiedene Angriffe. Allerdings kann man sie später auch auf Sekundär-Slots legen, die die Angriffe grob gesagt verbessern, und auf Passiv-Slots, die rollenspieltypisch dauerhafte Funktionen erfüllen. Das wird alles schnell ziemlich komplex, weil es nun mal sehr viele Kombinationen gibt, und diese sind nicht immer optimal. Man sollte sich also die Beschreibungen der Skills gut durchlesen und sie sinnvoll kombinieren. Um nicht zu sehr ins Detail zu gehen: es gibt gute Empfehlungen für einige Kombinationen, wie z.B. hier bei Gamesradar. Gekämpft wird in zwei Modi: der Action-Modus, der in Echtzeit abläuft. Gut wenn man ein bisschen aufräumen will, aber in den meisten Situationen hat man keine Chance, weil einfach alles viel zu schnell abläuft. Deshalb gibt es den Planungs-Modus: wenn man den rechten Trigger (am Controller) zieht, wird das Spiel gestoppt. Man hat einen Balken zur Verfügung, der sich mit jeder Aktion, die jetzt verplant wird, verkürzt. Wenn man hier nun alle Aktionen möglichst effizient verplant hat, bricht die Hölle aus und Red wischt wie ein Derwisch über den Bildschirm und führt die Aktionen aus, während die Gegner still stehen und ihre Prügel einstecken. Der Nachteil des Planungsmodus ist: während der Balken wieder zunimmt, kann man nichts tun, außer laufen. Einzige mir bekannte Ausnahme ist der JAUNT-Skill. Dieser kann zu jeder Zeit ausgeführt werden. Während er auf einem Aktiv-Slot eine schnelle Ausweichbewegegung hervorruft, kann man ihn auch auf einen Sekundär-Slot legen: Dann kann der aktive Skill jederzeit ausgeführt werden. Auf Kosten des Ausweichens, natürlich. Das sind die Entscheidungen mit denen man sich als Präsident der Transistor-Welt rumplagen muss.
Steckt man zu viel Dresche ein, verliert man nach und nach die Aktiven-Skills, hat man alle verloren, heißt es Ade, schöne Welt.
Ich will nicht lügen, es ist genau so kompliziert wie‘s sich anhört, aber es funktioniert alles, man fühlt sich mächtig und es ist ein frisches Konzept. Gut durchdacht, alles in allem. Die Kämpfe fand ich, trotz weniger Gegnertypen, schon recht abwechslungsreich und spannend. Spielt sich auf jeden Fall schöner als es sich liest, versprochen.

Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings der Soundtrack dieses Games.

Der Soundtrack ist immer präsent, immer dick und absolut stimmig in jeder Situation. Es gibt eine eigene Taste (!) dafür, dass Red kurz inne hält, um den Soundtrack mitzusummen. Zu fast jeder Zeit. Wie cute ist das denn? Ich will echt nicht wissen, wie oft ich das gemacht hab. Das ist so ein cooles Feature, es hätte für ein eigenes Spiel gereicht! Musik ist ein recht zentrales Thema in TRANSISTOR, und so ist es echt mehr als fair, einen solchen Schwerpunkt drauf zu legen.

No Exit Lamington

Ich bin schnell zu begeistern. Aber ich bin auch regelmäßiger Passagier im Hype-Train. Oft schon hielt der Hype-Train in Lameington und Roddy musste enttäuscht aussteigen. Nach den Trailern zu TRANSISTOR war der Train auf voller Fahrt aka das Game konnte eigentlich nur eine Enttäuschung werden. Wurde es nicht. Alle möglichen Kritikpunkte werden relativiert: Es ist kurz, bietet aber ein NewGame+ -Mode. Wenige Gegnertypen, aber immer neue, spannende Kombinatinen und Arenen. Die Story ist recht kryptisch und um alles zu verstehen, muss man viel lesen. Aber der offensichtliche, einfache, menschliche Teil ist stark genug, um am Ende schonmal „irgendwas im Auge“ haben zu können. Die Idee, einem Charakter die Stimme zu nehmen und einen anderen nur auf seine Stimme zu reduzieren ist ein cleverer Schachzug, in einer Welt, in der jede Stimme von Bedeutung ist.
TRANSISTORs Style und Atmosphäre sind zu jeder Zeit so dick, so hochkonzentriert, dass sich an deinem TV reine Ästhetik absetzt, die alles in ihrem Umfeld verschönert und einfach nur besser macht. Vielleicht auch dich.

Mehr checken...
Mehr checken...
Wer zur Hölle vergißt eigentlich seinen Koffer am Flughafen und holt den...