Valiant Hearts: The Great War

artwork1„Geschi“ in der Gesamtschule Neunkirchen. Herr Ackermann hatte so seine Vorstellungen, was wichtig für uns pubertierende Monster ist: Drei Jahre Drittes Reich, ein Jahr Französische Revolution. Der „Rotz“, also der gesamte Rest der Geschichte der Menschheit, wurde dann im verbliebenen Jahr abgehandelt. Demnach fehlt mir eine ganze Ecke Allgemeinbildung.
Ubisoft Montpellier will meine Lücken bezüglich des Ersten Weltkriegs ausbessern und infotainen mich mit „Valiant Hearts: The Great War“. Das Game wurde von Briefen und anderen Dokumenten aus dem Ersten Weltkrieg inspiriert und spinnt eine Story um eine Familie und ihre Freunde, die durch den Krieg getrennt werden und die Anstrengungen, die sie wieder zusammenführen sollen. Außerdem versuchen sie mit aller Macht mir Pipi in die Augen zu treiben.

Während die AAA-Titel von Ubisoft scheinbar überall in der Kritik stehen(bsp. FarCry 4, WatchDogs, Assassins Creed Unity), muss man die „kleinen Titel“ einfach nur gern haben. Blood Dragon und Child of Light haben bewiesen, dass man bei Ubi noch regelmäßig frische Konzepte an den Start bringen und damit scheinbar ziemlich erfolgreich sein kann.
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Visueller Knaller

Visuell ist Valiant Hearts ein Knaller. Ernsthaft: man könnte prinzipiell zu jeder Zeit einen Screenshot machen, ausdrucken, einrahmen lassen, aufhängen und den ganzen Tag anglotzen, weil es einfach nur geil aussieht. Es erinnert an französische Comics, mit dicken, ausdrucksvollen Outlines und stimmigen, leicht verblassten Farben. Und in diesem Comicstyle sind auf naive Weise typische Motive des ersten Weltkrieges eingefangen, beispielsweise Bäume, die ihre Äste im Bombardement eingebüßt haben, später auch zerstörte Städte und finstere Schlachtfelder. Die Welt wirkt, so weit ich das beurteilen kann, authentisch: Fahrzeuge, Kriegsgerät, Städte und Szenarios allgemein – alles wurde recht detailgetreu durch die Comic-Mangel gedreht.

VH_Renders#3_DD_130910_9_1378629077_1380124237.30amCETWährend Ubisoft mit WatchDogs absolut versagte, auch nur einen einzigen sympatischen Charakter zu erschaffen, ist es dem kleinen Team bei Ubi Montpellier gelungen, jeden – vom Hauptcharakter bis zum nebensächlichen Komparsen – vor Persönlichkeit nur so triefen zu lassen. Die vier spielbaren Hauptcharaktere sind einfach nur so nett und liebenswert, man kauft ihnen sofort ab, dass sie ihr Leben für die anderen aufs Spiel setzen. Und obwohl die Charaktere schon sympathisch genug sind, zieht Ubi noch den Tränendrüsenjoker – Walt, ein Kriegshund, der eigentliche Star des Games. Mit ihm wird die Truppe abgerundet und wächst auch dem abgebrühtesten Mistkerl ans frostige Herz, ob man will, oder nicht.

VH_Renders#2_DD_130910_9_1378629077_1380124236.30amCETDas Gameplay bei Valiant Hearts wirkt wie eine Sammlung von Minigames: Üblicherweise läuft man durch 2D-Levels und löst mit den charakterspezifischen Fähigkeiten kleine Puzzles, die gerne mal ruhiger, hin und wieder auch actionlastiger sind. Da wollen Granaten im richtigen Winkel geworfen, Tunnel zwischen Blindgängern gegraben und fast Point-and-Click-Adventure-mäßige Tauschgeschäfte durchgeführt werden. Erstaunlicherweise ist das alles sehr gelungen – erst gegen Ende des Spiels gingen mir die Rätsel auf die Nerven. Die Story zieht an und es wird dramatisch. Währenddessen schlägt man sich mit immer komplizierter werdenden Rätseln rum, was antiklimaktisch ist und aus dem Spielgeschehen reißt. Richtige Höhepunkte sind atmosphärische Stealthmissionen bei Nacht und Verfolgungsjagden in Fahrzeugen. Hier hat man sich wohl an alten LCD-Games orientiert: an sich weicht man auf nur einer Ebene Hindernissen und Angriffen aus. Klingt langweilig, ist aber toll kurzweilig inszeniert und sind auch die akustischen Höhepunkte des Spiels: Klassische Stücke von Jaques Offenbach sorgen für eine gelungene Abwechslung vom ebenfalls guten Score des Spiels. Bis auf die letzten zwei bis drei Rätsel hab ich mich jedenfalls wirklich gut amüsiert.

VH_ren_karl_e3_140609_4pm_1402164273_1403250919Die Story des Games ist stark und vermittelt geschickt, ohne aufdringlich zu wirken, dass dieser Weltkrieg ne ganz üble, unnötige Nummer war. Durch den guten Background wirkt die Story glaubwürdig. Eingestreute Collectibles, die mit WWI-Facts gekoppelt sind, liefern Informationen zu den Hintergründen. Valiant Hearts ist ein Genremix, der gut funktioniert, eine sympathische Story und gelungene Charaktere hat. Für circa 15 Euro auf allen möglichen Plattformen kann ich hier eine nahezu uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen. Alleine der Artstyle rechtfertigt doch schon einen Kauf. Ich meine, seht es euch an. Im Ernst. Das ist Zucker.
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All Artwork: Ubisoft

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