Abgeklappert: New Noise – Roddy

newnoiseWährend Festivals und ihre Besucher in der Regel von mir und meinen Vorurteilen aufs Schärfste geächtet werden, hat es im Jahre 2012 das New Noise Festival geschafft, mich anzufixen. Und das vor allem, weil es die üblichen Festivalklischees umgeht:

– Im Vergleich zu den „großen“ Festivals ist der Eintritt geradezu lächerlich – Es gibt ein abwechslungsreiches, internationales Line-Up von ~20 Bands.
– Das Ganze geht innerhalb eines Tages über die Bühne, also keine asozialen Campingplätze.
– Die Securitymaßnahmen sind entspannt.
– Wer nicht in der Nähe parkt und keinen Sprudel-Base hat, kann notfalls sein Wasser unter der aufgestellten Dusche auffüllen.
– Die Besucher sind nicht oder im vertretbaren Rahmen betrunken.
– Souveränes, veganes Essen wird angeboten.

Natürlich ist es jedes Jahr in den Zelten so hot, dass man seine Clothes off taken will. Das verbietet einem natürlich der Anstand, man ist ja nicht im Schwimmbad oder zu Hause. Alles in allem ist es zu Recht das einzige Festival, das überhaupt irgendwas kann. Deswegen ging es auch dieses Jahr wieder hin, wobei mich der recht hohe Anteil an stumpfen Poser-123-Hardcorebands ein wenig abgeschreckt hat. Hinfahrt letztes Jahr war der Besuch des NN ein Fiasko, weil ich abartiges Kopfweh hatte, so dass ich um etwa 20:00 h schon abhauen musste, um mich zu Hause weiter zu übergeben. Mein Plan war es also, mit Ibu und 9 l Wasser bewaffnet in den Kampf zu ziehen, um nichts dem Zufall zu überlassen. Nach dem Besuch der Apotheke hat Phil mich in NK eingesammelt und eine interessante, 3-stündige Route nach Karlsruhe gewählt, die ich zuvor noch nicht kannte. Dank mehrerer Staus war dann auch bei Ankunft schon meine leichte Kleidung durchgeschwitzt.

Save angekommen, schnell zwei Jungs mein übriges Ticket für „fast geschenkt“ verkauft. Die Boys waren happy, ich war happy, und im großen Zelt spielen die Withers. Withers spielen vor kleinem Publikum, machen mit ihrem epischen Geballer einiges richtig. Würde ich mir gerne mal in einem Juz ansehen, die Gang hat Potential. Nächste Band, die ich mir ansehen konnte, waren Ruined Families, die eine Schippe drauflegten und es richtig haben scheppern lassen. Man sieht der Crew richtig an, dass sie Bock haben. Der Drummer erzeugt ordentlichen Druck von hinten und der Sänger tanzt, springt, schmeißt sich auf den Boden, ohne dass es zu sehr nach Show riecht. Kannte die Band vorher nicht, haben mich beeindruckt, hab sie mit dem Kauf eines recht hässlichen T-Shirts belohnt. Lustige Anekdote: Der Typ hat irgendwas von den „Artist-Armbändchen“ gelabert und dass es ihn verwirrt hätte. Schließlich sind wir alle, vor allem wir Punker wohl, Künstler. Dieser Heuchler. Natürlich muss man sich abgesehen von literweise Wasser, das ich schon fast auf die Hälfte dezimiert hab, auch auf seine Nährstoffe achten.

Hier nun eine kleine Bonus-Review zum „Big Steak“ Döner-Style. Weil New Noise pro-vegan ist, gibts dieses Jahr nur einen Stand mit warmem Essen. Was ich nicht verstehe: Vegan-Catering auf Konzerten ist häufig eine fettiges, an Fleisch orientiertes Fastfood. Selten bekommt man coole Eintöpfe oder ähnliches serviert. Gemüse halt. Soll wohl dem nicht-veganen Publikum den Zugang erleichtern, was ja auch in Ordnung ist. Ich persönlich bin aber eher Fan von Currys und Ähnlichem. Fast-Food mag ich aber auch. Das „Big Steak“ Döner Style ist ein Soja-Steak in pikanter Marinade, das in einer großen Pfanne mit viel Fett vor sich hin schwimmt, bis es von nettem Personal auf ein gevierteltes Stück Fladenbrot mit gemischten Salaten nach Wunsch angerichtet wird. Geschmacklich top, einziges Manko ist die Soßen-Auswahl: Ketchup, Senf oder Ayvar, naja. Irgendeine Joghurtsauce hätte da ruhig noch sein können. Meine Wahl fiehl auf Ayvar, und was soll ich sagen: Das Teil schmeckt natürlich wie gewohnt gut. Preislich mit 4 € vielleicht für Punker, die pleite sind etwas hoch angesetzt.

Philipp schleppte mich danach mit zu Implore, denen ich wenig abgewinnen konnte. Könnte auch am Sound gelegen haben, kam alles irgendwie nicht so voll rüber. Recht düstere Musik, die, wie ich gerade feststelle, auf Platte ganz dick kommt. Danach gabs ebenfalls im kleinen Zelt ACxDC zu bewundern, vier TACOS aus Übersee, die harte, verschachtelte Musik machen. Alles recht extrem, dennoch spannend. Die dürren Kids feiern es, indem sie mit ihren Armen wilde Windmühlen performen. Macht nix, symphatische Band. Im Anschluss machen Holy aus Italien Feuer. Solider Hardcore, den ich schon von Platte kenne, der auch nahezu eins zu eins so rüberkommt. Kurze, angepisste Songs, bei denen ordentlich Feuerchen gemacht wird. Torsö schlagen in die ähnliche Kerbe, scheinen auch eine große Crew mit Holy zu sein. Irgendwie hör ich aber nen seltsamen Rock’n’Roll-Einfluss raus, mit dem ich nicht so viel anfangen kann. Trotzdem authentisch, mit viel Rotz. Danach wieder Pause, in der Zwischenzeit auch ’nen Stück Kuchen gefuttert, wieder vegan aka „alles-was-sonst-vom-Tier-käm-wird-durch-Zucker-ersetzt“, das zweite Big Steak musste ebenfalls dran glauben. Kurz zu Maybeshewill reingeschnuppert, die müsste man sich mal in Ruhe anschauen, mussten aber leider dran glauben. Hab nur einen Song mitverfolgt und der war richtig gut. Hat mir nur das berühmte i-Tüpfelchen zur extra-coolness gefehlt. Irgendwann hab ich auch den letzten Song von We Came Out Like Tigers gegeben, die absolut solide sind, allein der Lead-Gesang war mir ein wenig zu schrill. Jetzt beginnt der für mich interessanteste Teil des Abends: ab jetzt kann ich einfach im kleinen Zelt bleiben. Leider setzte mein Kopfweh trotz Ibu-Prophylaxe just in diesem Moment gewohnt hart ein, sodass mein Genuss ein wenig gedämpft war.
Los gehts mit Tidal Sleep. Die haben gerade eine neue Platte fertig gestellt und haben sichtlich Bock, das ganze Zelt abzufackeln. Die Band ist scheinbar ununterbrochen auf Tour, deshalb hab ich sie schon einige Male @home gesehen und kann sagen: Mit jeder Show werden die besser. Die ganze Band ist eine Einheit, die einem übelst hart ein Brett an den Kopf klatschen will. Und zwar so, dass man sich dafür bedanken möchte. Philipp verabschiedete sich zu 123-Prollo-Hardcore, ich pendelte zwischen ihm und Trainwreck. Zu diesem Zeitpunkt hat mein Kopfweh mein Urteilsvermögen korrumpiert, von daher könnte ich sagen Trainwreck sind einfach nur Krach. Sind sie aber nicht. Super Show, was ich mitbekommen habe! Aber auch mal zu Philipp ins große Zelt geschneit, zu Nasty. War auch wirklich eine interessante Show, im Sinne von Entertainment. Philipp hat mich auch über deren Nazi-Hunter- Sportclub und ihre Attitüde informiert. Find ich ganz gut, glaub ich.

Danach durfte ich zum ersten Mal Heaven In Her Arms bewundern. Ich hab mich wirklich darauf gefreut und hab schon den Soundcheck genossen, der klischeehafter nicht hätte können sein: Die Jungs sind so professionell, die haben offensichtlich ihren eigenen Soundmann mitgebracht. Der hat den NN-Soundmann nicht etwa ersetzt, nein, er hat ihn ergänzt. Dieser Typ tat eigentlich nur Folgendes: Er tigerte über die Bühne, drehte an Volume-Reglern und nickte. Allerdings hatte der Kerl wohl ein strenges Regiment am Start und die Band ordentlich eingeschüchtert. Ein strenger Blick und eine ausgestreckte Hand symbolisierten dem Drummer beispielsweise immer wieder, dass er jetzt einfach mal nicht dran ist. Kuriose Sache. Die Musik war dann auch über jeden Zweifel erhaben: Die Crew hat nen abgefahrenen Skill und der Sound war ziemlich perfekt. Die Songs waren dann meistens verträumt mit harten Passagen. Ich hatte HIHA mit mehr Kick in Erinnerung. Auf jeden Fall aber ein spannender, beeindruckender Act. Das New Noise Festival ermöglicht es mir jedes Jahr, Bands, die ich seit meiner Jugend liebe, live zu sehen. So war es letztes Jahr mit Circle Takes The Square, vorletztes Jahr mit Raein und dieses mit La Quiete. Ich war heiß auf die Band und schon beim Soundcheck war ich aufgeregt wie ein kleines Schulmädchen. Und das war auch der letzte Moment in dem ich Kopfweh hatte: Beim Einzählen zum ersten Song peitschten mir die Endorphine durch die Birne und erlösten mich. Das coole bei solchen Bands ist, dass wenn man nicht zu cool ist, kann man ständig die Faust in die Luft recken und mit dem Rhythmus jumpen. Das habe ich dann auch quasi durchgehend bis zum Ende der Show gemacht. Nachdem jeder Song gespielt wurde, den ich hören wollte, war das NN dann zuende. Beim Rausgehen trafen wir nochmal die Jungs, die das Ticket von mir bekommen haben. Die waren ähnlich begeistert und scheinen nette Typen zu sein. Die hatten wie wir vorm Substage geparkt. Und von dort aus traten Phil und ich dann auch den Weg nach Hause an. Den richtigen Weg.

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