Die Karte meiner Träume

DKMT_Plakat
Die Karte meiner Träume, oder im Original „The Young and Prodigious T.S. Spivet“ (Wer übersetzt eigentlich sowas? Egal.)
Hier steh ich also, vor‘m Ticketschalter und lass‘ mir von der netten Damen dahinter erzählen, dass dies der Film des Jahres sein wird. Film des Jahres? Etwas gewagt so etwas in der Halbzeit zu prophezeien, aber nun gut, die Dame arbeitet hinterm Ticketschalter, sie muss wissen was gut für mich ist. Nach dem ich das Filmplakat zum ersten Mal am Kinoeingang betrachtete, hatte ich mich auf einen Irgendwie-vor-1900-Western-Road-Movie eingestellt. Ne kleine Farm, ‘n Bollerwagen mit altem Lederkoffer drauf, Menschen in alten Klamotten – Alles für den tollen Sonntag auf der Farm. Und irgendwie hatte ich damit so ein bisschen Recht. Während die Werbung beginnt, krame ich mein Handy raus, und befrage Google, was ich zu erwarten habe.

nicht Britney, sondern Thelma & Louise

Die Kurzfassung: Roadmovie, aber nicht im Britney-Stil, sondern eher Thelma & Louise. Die längere Fassung: Ein zehnjähriger, hoch-begabter Junge aus Montana mit Namen T.S. verlässt auf eigene Faust die Farm seiner Eltern, um einen Preis für eine eigens erdachte Erfindung in Washington entgegen zunehmen. Eigentlich kein klassischer Roadmovie-Stoff, vorerst kein Trip zur Selbsterkenntnis und Selbstfindung. Doch der anfangs fast klischee-fröhliche Film neigt sich schon recht früh zu einem echten emotionalen Brocken. T.S. übernimmt in der Familie das fünfte Rad am Wagen. In den Augen seines Vaters erscheint er sich selbst als „weniger“ im Vergleich zu seinem Bruder. Sein Bruder ist der Draufgänger-Typ, der John Wayne des Kindergartens – Schießen, Reiten, Lasso werfen eben. T.S. scheinbar genau das Gegenteil seines Bruders – Bedacht, ruhig, clever. Doch genau hier kriegt der Film die Kurve, zieht kein emotional aufgeblasenes Klischee zur Hand, reißt keinen Bruderstreit um die Gunst des Vaters vom Zaun, sondern zeigt, dass sich T.S. damit abfindet, ja fast sogar seinen Bruder unterstützt. T.S. begnügt sich mit seiner eigenen Identität, um das familiäre Gefüge nicht annähernd ins Schwanken zu bringen. T.S.‘ Verbindung zu seiner Mutter ist im engeren Sinne „praktisch“ – Er beschuldigt sie noch während den ersten Minuten, dass sie ihre Mutterschaft aufgegeben hätte. Eisige Umstände, oder? Und es kommt noch dicker. T.S. erfährt hautnah den Tod seinen Bruders, der sich mit dem vom Daddy geschenkten Gewehr unglücklich verletzt und stirbt. Und hier beginnt das eigentliche Roadmovie.

die karte meiner träume1

3D? 3D!

T.S. gibt sich die Schuld am Tod seines Bruders, und die anstehende Preisverleihung in Washington D.C. gibt ihm den Startschuss (zynisch, ne?) aufzubrechen und die unfeine Situation hinter sich zu lassen. Er springt auf den nächst besten Zug Richtung Osten – und von hier an beginnt eine absolut bildgewaltige, wenig klische-behaftete Reise durch den Mittleren Westen der USA. Hab ich schon gesagt dass der Spass in 3D gezeigt wird? Ergab anfangs keinen Sinn, es gab nichts, was sich für 3D anbietet. Doch ab der Hälfte des Films macht‘s umso mehr Sinn. Jean-Pierre Jeunet bringt hier eine bildgewaltige Novelle auf die Leinwand, die sich zuerst trocken sieht, aber mit jeder weiteren Minute interessanter und verständlicher wird. Der Film birgt viele kleine, wirkliche schöne Momente in denen dir‘s die Gänsehaut hochtreibt, es wird viel Wert auf Kleinigkeiten und Details gelegt, und auch Kyle Catlett bringt die Rolle sauber und glaubhaft aber auch wirklich schräg rüber.

Auch die anderen Familienmitglieder sind irgendwie facettenreich gestaltet aber auch durchschaubar, bedienen bestimmte Rollen, übertreiben diese aber keineswegs. Der Film wirkt absolut nicht Hollywood-überproduziert und bietet wirklich etwas für‘s Auge. Das Tempo ist an manchen Stellen durchaus etwas langsam und erinnert an Nebraska, jedoch sind das eher seltenere Momente.

(Artwork&Photo: © dcm)

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