Wie der Wind sich hebt

windrisesAlles andere als abgehoben gibt sich Hayao Miyazaki bei seinem wohl letzten Animationsfilm. „Wie der Wind sich hebt“ könnte als ausgesprochen bodenständig bezeichnet werden. Handwerklich, wie von Studio Ghibli gewohnt, sauber umgesetzt, inhaltlich auf der einen Seite mit viel Tiefgang, auf der anderen Seite jedoch auch mit einigen Längen.

Die Story ist schnell erzählt. Nerdiger, kurzsichtiger Junge träumt davon – und das immer und immer und immer wieder – schöne Flugzeuge zu bauen. Es ist die halb fiktive Geschichte des ganz realen Jirō Horikoshi, dem 1903 geborenen japanischen Flugzeugkonstrukteur.

Der echte Jiro Horikoshi
Der echte Jiro Horikoshi
Miyazaki bietet interessante Einblicke in Aspekte der japanischen Geschichte, die hier im Westen bislang weitestgehend unbeleuchtet blieben. Darunter das große Kantō-Erdbeben im September 1923, bei dem rund 140.000 Menschen starben und bei dem im darauffolgenden Feuersturm Tokyo und Yokohama großflächig zerstört wurden. Innerhalb weniger Jahre wurden beide Städte praktisch von Grund auf neu errichtet. Eine beachtliche Leistung im Angesicht der Weltwirtschaftskrise und dem technischen Stand des Landes Ende der 20er-Jahre. Der hinkte in vielen Bereichen gut zwanzig Jahre hinter dem der westlichen Welt her. Diesen Abstand konnten japanische Ingenieure in kürzester Zeit aufholen, zumindest was die Militärtechnik angeht. Womit wir beim eigentlichen Thema des Films wären.

Fast bedingungslose Technikverliebtheit zeichnet Horikoshi aus. Dabei wird er nicht als emotionslosen Fanatiker gezeichnet, sondern als eben jener Träumer. Schöne Flugzeuge will er bauen, mehr nicht. Die Vereinnahmung durch das Militär wird zwar kritisiert, die drohende Katastrophe des bevorstehenden Weltkrieges immer wieder vor Augen geführt, die Abneigung zum faschistischen Regime des Kaiserreichs, die Horikoshi heute unterstellt wird, wird dagegen im Film nicht wirklich deutlich. Ein japanischer Wernher von Braun, möchte man da meinen. Was dem einen die „V2“, war dem anderen die „Zero“ (Mitsubishi A6M), das leistungsstärkste japanische Jagdflugzeug seiner Zeit.

Nicht ganz einordnen konnte ich die Lovestory. Horikoshi findet über Umwege letztlich doch zu seiner Naoko Satomi, einer Zufallsbekanntschaft aus jungen Jahren. Die Beziehung zu ihr wird stellenweise sehr anrührend erzählt. Der Konflikt zwischen der Liebe zu seiner Frau und der Liebe zu seiner Arbeit wird aber nicht prägnant genug herausgearbeitet, so dass die Geschichte an dieser Stelle eher deplatziert wirkt.

Vermisst habe ich vor allem einen einprägsamen Soundtrack. Die musikalische Untermalung war durchgängig stimmungsvoll, jedoch fehlte mir das Leitmotiv, das, wie in anderen Werken wie „Nausicaä – Aus dem Tal der Winde“ oder „Prinzessin Mononoke“ im Ohr bleibt. Etwas verstörend wirkte da schon eine Disney-eske Gesangseinlage. Ich möchte nicht glauben, dass sie, auch wenn sie die Veröffentlichungsrechte außerhalb Asiens halten, an dieser Stelle Einfluss auf den Film nehmen durften.

Der Mix der Zeichenstile, ist gerade zu Beginn des Films etwas gewöhnungsbedürftig. Schlicht gehaltene Manga-Charaktere vor liebevoll gemalten, sehr detailreichen Hintergründen, dazu gelegentliche 3D-Fahrten. Eine ähnliche Umsetzung war in „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“ besser gelöst. Wirklich herausstechen konnten die Szenen leider nicht. Einzig die typisch langen Einstellungen, die Ruhe ins Bild bringen, sind mir positiv im Gedächtnis geblieben.
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Alles in allem ein solider Film aus der Feder des Meisters. Und ein würdiges Ende seines Schaffens. Kein Paukenschlag, wie ihn ich für einen Abgang vermutet hätte. Inhaltlich richtet sich der Film wohl eher an ein erwachsenes Publikum. Filmisch dürften aber auch jüngere ihren Spaß damit haben. Freigegeben ist er ab 6 Jahren. Gewaltszenen beschränken sich auf brennende Häuser und Flugzeuge. Macht euch aber darauf gefasst, wenn die Kleinen nach dem Film nach einer Zigarette fragen.

Artwork: ghibli studio
Foto: gemeinfrei

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