Schüler Spezial: Hausaufgaben

fiesetexte“Schüler Spezial: 9-11 Uhr großer Döner nur 3 Euro!” verkündet das handgemalte Schild im Schaufenster des Kebab-Pizza-Nudel-Hauses.
Aha! ruft der hinterlistig schlummernde Spießbürger in mir, da locken sie die SchülerInnen an, die Kebabbuden dieser Welt, und statt mit dem Kopf in den Bücher zu stecken, stecken die Eleven ihre nur halbgebildeten Häupter beim Blaumachen in ein Pide-Brötchen.

Heiter kichernd über den Whats App-Nachrichten ihrer heimlichen Schwärme sitzen sie da, nur getrübt vom üblen Gespenst der Hausaufgaben – “Scheisse, ich muss noch Franz machen.” – während die Knoblauch-Yoghurtsauce in ihren rudimentären Schnurrbärten hängt.

Als der hinterlistig schlummernde Spießbürger in mir noch nicht geboren und ich selbst mit rudimentärem Schnurrbart im Gesicht einer der berüchtigsten Blaumacher war, gab es noch keine Kebabbuden – man trieb sich in verrufenen Spelunken oder in den düstersten Ecken der Stadtparks umher, statt der eigenen Erlebniswelt vollkommen entferntem langweiligen Mist wie Bio oder Reli zu lauschen. Hach, was für ein Gefühl von rebellischer Freiheit.

Hausaufgaben waren für mich ein Graus – deswegen habe ich eine ungemeine Menge Energie aufgewendet, sie mit mit möglichst wenig Aufwand zu erledigen. Und das selbstverständlich nicht nachmittags zu Hause, wenn süße Computerspiele oder halbstarkes Herumhängen mit der Peergroup lockte. Man konnte ein Fach erledigen, während man morgens im Bus der Bildungsanstalt entgegenfuhr – erledigen, das hieß selbstverständlich von willigen und fleißigeren (und heute im übrigen wesentlich erfolgreicheren) Mitschülern abschreiben. Vorraussetzung war hier, dass man einen Sitzplatz ergattern konnte. Das erforderte Ellbogeneinsatz und finstere Blicke bereits beim Einsteigen.

Vor der Schule blieb Zeit, ein weiteres Fach abzuarbeiten. Hier war die Pool der fleißigeren MitschülerInnen größer, deren Geistesleistung man plagiieren konnte. Den emsigsten Schülerinnen freilich konnte man die Hausaufgaben nicht aus den Mauerblümchenrippen leiern. “Hast Du Deutsch gemacht?” – “Ja, aber ich hab’ alles falsch.”, wiederholte sich ein lügenschwerer Dialog allmorgendlich. Zeitverschwendung – man schrieb besser von den mittelmäßigen ab – von jenen übrigens, deren Namen heute einem partout nicht mehr einfallen, und wenn man ihnen auf Stadt- und Dorffesten begegnet, man schnell in die andere Richtung schaut, um bloß nicht in die Verlegenheit zu kommen, vier oder fünf belanglose Sätze auszutauschen.
Diese früheren Nullschüler konnte man schön mit seinem natürlichen Charisma überzeugen.

Das war der einfache Teil des morgendlichen Ritus. Dann wurde es komplizierter. Man hatte je fünf Minuten zwischen den Schulstunden, in den man was abarbeiten konnte, sofern man nicht den Klassensaal wechseln musste. Das erforderte Organisationstalent und Planung, ebenso wie genaue Kenntnis, bei welchem Lehrkörper man noch prima im Unterricht heimlich weiter abschreiben konnte, exakte Risikoabwägung und Geschick, sowie rhetorische Fähigkeiten, um sich spontan Ausreden auszudenken, sollte man erwischt werden. Es war quasi unglaublich anstrengend, ein fauler Sack zu sein.
So konnte ich damals in der Tat eine ganze Menge lernen bei den Hausaufgaben. Natürlich habe ich das Gymnasium nicht geschafft, denn derartige Skills waren nicht gefragt, stattdessen musste man wissen, wie (und nicht nur dass) die Bienen ihren Kumpanen vortanzen, wo es den besten Nektar gibt.

Und nun, da der hinterlistig schlummernde Spießbürger von diesem Flashback aus meiner illustren Vergangenheit zum Schweigen gebracht, blicke ich wohlgesonnen auf die jugendlichen Rabauken, die bei türkischen Spezialitäten über ihren juvenilen Albernheiten und zeitfressenden Horrorhausaufgaben sitzen. Sie werden es schon zu was bringen, irgendwie halt.

Mehr checken...
Mehr checken...
Anreise im September „Ey wie jetzt, im September nach Spanien? Mitsamt Badehose?“…