Als Tourist in Nordkorea – Zwischen absurd komisch und traurig

Nordkorea und seine Politik sind beliebte Themen in den Medien des Westens. Der Hauptgrund dafür ist wohl die Tatsache, dass aus Nordkorea nur so wenige Informationen nach außen dringen. Bei den Nachrichten, die von der Regierung stammen, kann sich der Leser eigentlich fast sicher sein, dass sie zu einem großen Teil gelogen oder zumindest in erheblichem Maße beschönigt sind. Seit einigen Wochen ist der nordkoreanische Führer Kim Jong Un von der Bildfläche verschwunden und die Gerüchteküche läuft auf der ganzen Welt heiß. Einige Geheimdienste haben wilde Spekulationen angestellt; die Theorien reichen von verschiedenen Krankheiten bis hin zum Tod des geliebten Führers. Unglaublich für uns im Westen, dass das koreanische Volk sich einfach damit zufrieden zu geben scheint, dass der verehrte Führer „unpässlich“ ist.
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Die Geheimniskrämerei um Nordkorea und seine Führung war auch für mich als ehrgeizige Weltreisende ein Grund, um die Reise in dieses seltsame und verschlossene Land anzutreten. Das bedurfte einiger Vorbereitung, denn obwohl Nordkorea den Tourismus als eine Quelle für Devisen entdeckt hat, kann man sich nicht einfach auf die Reise begeben. Jeder Besucher muss vorher höflich schriftlich anfragen und sich an eine der wenigen lizensierten Agenturen wenden, die Rundreisen in Nordkorea vermitteln. Unter anderem musste ich eine Bescheinigung meines Arbeitgebers vorlegen, die beweist, dass ich keine Journalistin bin. Ein dreiseitiges Informationsblatt informierte mich unter anderem darüber, dass ich bestimmte Regeln beim Fotografieren beachten muss: bei Fotos von Führerstatuen dürfen keine Körperteile abgeschnitten werden; Armut darf nicht abgelichtet werden. Es ist außerdem verboten, westliche Literatur insbesondere den einzigen Reiseführer über Nordkorea, den es in deutscher Sprache gibt, mit ins Land zu bringen.
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Nordkorea zeigte sich mir und meinen neun Mittouristen von seiner besten Seite. Wir wurden fürstlich bewirtet und bekamen alle kulinarischen Spezialitäten vorgesetzt, von denen die normalsterblichen Koreaner nur träumen dürfen. Es fiel uns schwer, nicht zu vergessen, dass in Nordkorea jedes vierte Kind an massiver Unterernährung leidet. Eine besondere Spezialität war die traditionelle Hundesuppe, die aus dem Fleisch einer ganz besonders leckeren, eigens für diesen Zweck gezüchteten Hunderasse gekocht wird.
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Mit das abstruseste an der gesamten Rundreise war die Tatsache, dass uns die Mitarbeiter des Tourismus / Propaganda-Ministeriums keinen Augenblick lang aus den Augen ließen. Eine sehr kompetente, höfliche und liebenswerte Reiseleiterin mit ihrer Assistentin, der Busfahrer und ein Kameramann waren 24 Stunden am Tag um uns herum. Beim Frühstück erwarteten sie uns schon und am Abend lieferten sie uns an unserem Hotel ab, das gut bewacht auf einer Insel in der Hauptstadt Pjöngjang stand. Die beiden Damen waren sogar in dem Hotel untergebracht, „falls nachts irgendetwas passiert“. Sich an die Rund-um-die-Uhr-Bewachung zu gewöhnen ist im Laufe einer Woche kaum möglich. Ein seltsamer Beigeschmack blieb stets.
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Die Sehenswürdigkeiten, die den Touristen gezeigt werden, sind vom Ministerium sehr minutiös ausgewählt. Darunter sind Dutzende von kommunistisch anmutenden, für den europäischen Geschmack leicht überdimensionierten Statuen und Monumenten, die der Verehrung Kim Il Sungs und Kim Jong Ils, der Partei der Arbeit von Korea oder der politischen Juche Ideologie gewidmet sind. Diese Denkmäler konzentrieren sich hauptsächlich in der Hauptstadt Pjöngjang. Neben Riesenstatuen der Kims, vor denen wir Blumen niederlegen mussten besuchten wir einen Heldenfriedhof, auf dem die Mutter von Kim Jong Il beerdigt liegt. Auch sie wird wie eine Göttin verehrt. Einfach nur unglaublich war der Besuch des Mausoleums der beiden verstorbenen Kims. Sie sind in einem Gebäude, das mit Selbstschussanlage und Wassergraben geschützt ist in Räumen aus rotem Marmor aufgebahrt und von an die hundert Soldaten bewacht. Die ehrfürchtige Stimmung, die wohl am ehesten mit der Atmosphäre in einem Tempel zu vergleichen ist, wirkte auf mich fast lächerlich. Natürlich musste ich mich zusammenreißen, weil ich ganz genau wusste, dass ich unsere liebenswerte Reiseleiterin in Teufels Küche bringen konnte, wenn ich mich daneben benähme. Und im Grunde war mir auch nicht zum Lachen zu Mute, denn ich musste immer wieder daran denken, dass den Menschen in diesem Land tagein tagaus erklärt wird, dass die ehemaligen Kims genauso wie der aktuelle Kim alles für ihre Bevölkerung tun und dass das nordkoreanische Volk das glücklichste der Welt ist.

Das absolute Highlight meiner Reise im August 2013 war das Arirang Festival, das jeden Sommer stattfindet. 100.000 Tänzer in bunten Kostümen zeigen während dieser imposanten Massengymnastik-Vorführung, was sie können. Mit offenem Mund staunte ich über die Perfektion und Präzision der Bewegungen zu heroischer revolutionärer Musik. Niemand machte auch nur einen falschen Schritt. Das Arirang Festival ist das weltweit mit Abstand größte Tanzfestival seiner Art.
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Über diese und viele andere sehr kuriose Erlebnisse im Reich der Kims habe ich nach meiner Reise ein Buch geschrieben, obwohl ich dem Propagandaministerium versprochen hatte, keinerlei Aufzeichnungen zu machen und meine Fotos nur für private Zwecke zu nutzen. Ich habe ja im Grunde auch nur ein halbes Buch geschrieben, denn in „Asiens letzte GEHEIMnisse“ (*AmazonLink der Autorin) geht image05es nicht nur um Nordkorea, das in meinen Augen kurioseste und traurigste Land der Erde, sondern auch um das vermeintlich glücklichste Land der Welt: Bhutan. Auf 190 Seiten erfahrt ihr mehr über Kim Jong Il, bei dessen Geburt ein Regenbogen am Himmel erschien, über die am besten gesicherte Grenze der Welt, über eine ganz verrückte Geschenkesammlung und über die leeren Autobahnen in Nordkorea. Damit niemand in Depressionen verfällt handelt die zweite Hälfte des Buches von friedlichen Tälern im Himalaya, von verwirrenden Göttergeschichten und von Hauswänden, die mit riesigen Penissen verziert sind… kurz, vom Königreich Bhutan, das mit Nordkorea nur wenig gemeinsam hat. Das Taschenbuch kostet 12 Euro, das E-Book 8,99 Euro.

image06Als Beatrice Sonntag habe ich außerdem drei weitere Bücher mit Reiseerzählungen aus aller Welt veröffentlicht. Im Jahr 2011 gab ich mein Debut mit „Berufswunsch: Tourist“, in dem es unter anderem um Usbekistan, Jordanien, Indien und Peru ging. 2013 folgte „Diagnose: Fernweh“, das den Leser zum Beispiel nach Äthiopien, Armenien, Indonesien und Belize entführt. 2014 erschien „Traumziel: weit weg“ mit Geschichten unter anderem aus der Mongolei, Israel, Jamaika, Venezuela und dem Oman. Auf meinem Blog www.beatrice-sonntag.de halte ich Euch regelmäßig über aktuelle Reiseerlebnisse auf dem Laufenden und versuche, alle Leser mit Fernweh zu infizieren. Wenn ihr mich fragt, die schönste „Krankheit“ der Welt.

Eure Beatrice!

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Die Tore öffneten sich kurz vor 10 und die Hallen füllten sich.…