André Noltus liest Eduard Senz

dienstmann2Richtig was los in der Hüttenstadt – Clickclickdecker machen sich gerade bereit zum Konzert in der Stumm’schen Reithalle und auf dem Stummplatz strömen sie ins Festzelt; Mordsgaudi beim Oktoberfest. Bei so viel Stumm könnte man fast meinen, ganz Neunkirchen dreht sich nur um ihn, wie er da auf seinem Sockel vorm Saarpark-Center steht. Ein Stückchen weiter sitzt aber ein anderer und spitzt die Ohren. „O’zapft is“, hallt es am Hammergraben wider, wo der „Dienstmann Nummer 2“ auf einem Koffer sitzt. Die Dienstmütze daneben, ein wacher Blick, ein schelmisches Lächeln. Franz Carl Eduard Senz, genannt „Sense Eduard“.

„O’zapft is“, ist es auch bis in die Bliespromenade zu hören, wo sich im „Momentum“ eine Handvoll Menschen versammeln. Im Gespräch vor Beginn der Lesung erzählt Autor André Noltus von den Jüdischen Filmtagen in Saarbrücken. Sein Lieblingsfilm wird dort dieses Mal nicht gezeigt. Die Anwesenden erhalten eine kleine Sondervorführung. Lionel Abelanski hätte den Schlomo nicht besser spielen können im „Zug des Lebens“. Dieser tragisch-komische Film über ein jüdisches Schtetl im Osten Europas, das sich selbst deportiert um ins gelobte Land zu fliehen. Sicher ein halbes Dutzend Mal habe ich den Film schon gesehen und das Ende treibt mir ein ums andere Mal die Tränen in die Augen. Schwermut macht sich breit in mir und wird mich bis zum Ende der Lesung begleiten.

Neben mir haben lediglich vier weitere Zuhörerinnen den Weg ins „Momentum“ gefunden. Dabei hätten es sicherlich mehr Neunkircher nötig gehabt. Erstaunlich wenig kennen den Namen Eduard Senz, noch weniger kennen die Geschichte dieses Neunkircher Originals, dem die Kreisstadt am Hammergraben ein Denkmal gesetzt hat.
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André Noltus liest aus seinem Buch „Franz Carl Eduard Senz – Sense Eduard“ (*Amazon-Werbelink). Auf seinem Stuhl hält es ihn nicht lange. Den Sense Eduard würde es schließlich auch nicht auf seinem Koffer am Hammergraben halten, denn ein echter Dienstmann setzt sich nun mal nicht auf einen Koffer, das gehört sich nicht. Gestik, Mimik, Stottern – Noltus erzählt Fakten vermischt mit Fiktion aus der Sicht des Eduard Senz. Er liest nicht nur Senz, er spielt ihn und erweckt ihn für einen kurzen Moment wieder zum Leben. Der Sense Eduard spricht mit sich, mit dem Autoren, mit dem Bildhauer, der die Bronze geschaffen hat und mit dem „Großen Baumeister“. Er erzählt die Geschichte des jungen Eduard, seine schwere Kindheit als Sohn eines Bergmanns, als Kofferträger am Neunkircher Bahnhof, als die öffentliche Person, die wegen ihres schlurfenden Ganges und ihres Sprachfehlers von den Mitmenschen als Opfer für Spott herhalten musste. In Anekdoten sagt man ihm heute nach, wie er den Späßen auf seine Kosten mit Witz und Tücke entgegnete. Doch die Geschichten unterscheiden sich, je nachdem, wer sie erzählt. Wie die Geschichte bei der sein Esel den Dienst am Hüttenberg versagte und zwei Polizisten ihn den Berg hochschoben. Während Noltus/Senz pointiert den Polizisten entgegnet: „Ich wusste ja, dass für den Berg mehr als ein Esel nötig ist“, kennt eine der Anwesenden die Geschichte aus ihrer Kindheit noch anders. Den Esel hätte er geprügelt, als dieser nicht mehr weiter wollte. Welche Version der Wahrheit entspricht, lässt sich heute nur schwer beantworten. Ebenso dass Senz Antisemit gewesen sei, oder ob ihm der Witz über die Neunkircher Synagoge von der „Saarländischen Tageszeitung“ 1941 nur in den Mund gelegt wurde.
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Das Leben hat ihn hart gemacht, auch wenn er seinen Humor nie verlieren wollte. Mit dem Tod seiner Mutter ging es mit Eduard Senz jedoch bergab. Schwere Depressionen und Panikattacken folgten in den Jahren danach und er musste 1923 in die Heil- und Pflegeanstalt Merzig eingewiesen werden. Dort verbrachte er gut 18 Jahre. Am 18. Februar 1941 wurde er in die mittelhessische Tötungsanstalt Hadamar verbracht. Er fiel, wie mehr als 70.000 anderer, der „Aktion T4“ zum Opfer – dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten. André Noltus schildert den Moment in der Gaskammer, als aus den Duschköpfen kein Wasser strömen wollte. Senz erinnert sich an die Worte seines Vaters. Durch die Nase atmen um keine Staublunge zu bekommen. Es brennt. Er schläft ein und wacht droben beim „großen Baumeister“ auf.

Um den Abend nicht in Trauer ausklingen zu lassen, schließt der Autor mit einem aufmunternden jüdischen Gedicht. Ich kann kaum hinhören. Vor meinen Augen sehe ich den Sense Eduard am Hammergraben sitzen und leise singt Schlomo am Stacheldrahtzaun: „Shtetl, Shtetl, Shtetele vergiss mich nicht, mein Sthetele…“

Hintergrund:

Franz Carl Eduard Senz wurde am 30. Dezember 1877 in Wiebelskirchen geboren. Er wurde wegen seiner Behinderung am 28. Februar 1941 von den Nationalsozialisten in Hadamar ermordet. 1994 errichtete die Kreisstadt Neunkrichen ein bronzenes Denkmal nach den Entwürfen des Bildhauers Werner Schorr. Am ursprünglich vorgesehenen Standort hätte die Plastik auf dem Stummplatz direkt gegenüber dem Denkmal von Carl Ferdinand Stumm-Halberg stehen sollen. Da zwischen beiden Personen keine direkte Beziehung bestand und Senz nicht im Schatten Stumms stehen sollte, entschied man sich für den Platz Hammergraben, unweit des Stummplatzes.

Autor André Noltus wurde 1939 im niederländischen Almelo geboren. 1964 zog er zu seiner Frau ins saarländische Neunkirchen wo sie bis 1988 blieben. 2006 kehrten er mit ihr nach Neunkirchen zurück.

„Franz Carl Eduard Senz – Sense Eduard“: Erschienen in der 2. Auflage im September 2014 bei Edition Schaumberg, 84 Seiten, ISBN 978-3-941095-20-5.

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