Banished – Ein verbannt gutes Spiel

Jahreszeiten im Wandel – im Frühjahr wird gesät.
Jahreszeiten im Wandel – im Frühjahr wird gesät.
Lange hatte ich es auf meiner Liste, beim letzten Steam-Deal konnte ich dann doch nicht mehr widerstehen: Banished. Als Freund von Aufbausimulationen bin ich immer auf der Suche nach guten, neuen Spielen aus dem Gerne. Die sind rar gesät und bevor ich mich binde, hadere ich lange mit mir. Die fehlende deutsche Lokalisierung hat mich bisher abgehalten. Mittlerweile ist mir klar, völlig ohne Grund. Dank Community-Einsatz via Steam Workshop wird die nämlich als Mod nachgeliefert.

Das Spielziel ist schnell zusammengefasst. Ein x-beliebiges Dorf im Mittelalter, eine Handvoll Siedler und der nackte Kampf ums Überleben. Mehr Vorgaben gibt es nicht. X-beliebig trifft es sogar ziemlich gut. Die Spielumgebung wird bei jedem Neustart komplett zufällig generiert. Lediglich Klima und Geländetyp (Berg oder Tal) haben einen Einfluss auf die Karte. Vor der Generierung können außerdem zufällige Katastrophen wie Tornados oder Brände deaktiviert werden und der allgemeine Schwierigkeitsgrad eingestellt werden. Letzterer gibt die Anzahl der Siedler vor und über wieviel Saatgut und Nutztiere sie zu Beginn verfügen.

Ich überspringe das Tutorial und werfe mich gleich ins Sandboxspiel, nur um eine halbe Stunde später noch einmal von vorne zu beginnen. Und noch einmal. Und noch einmal. Argh… In den ersten Spielstunden ist Frust angesagt. Was den Spielspaß nicht mindert, sondern motiviert. In Banished ist jeder Dorfbewohner wichtig. Im Gegensatz zu den tausenden wimmelnder Sims in Sim City, die am nächsten Morgen nicht mehr wissen, wo sie wohnen oder arbeiten, ist hier jede einzelne Person von Bedeutung. Das gute Dutzend will sorgsam auf die verschieden Berufe aufgeteilt werden, damit es nicht zu Engpässen in der Versorgung kommt. Ähnliches kennt man bereits aus der Tropico-Serie. Nur wiegen die Entscheidungen in Banished wesentlich schweren und Fehler lassen sich nur sehr, sehr langsam wieder korrigieren.

Es müssen Felder bestellt, Herden gehütet, Stein und Eisen abgebaut, Gebäude errichtet, Werkzeuge geschmiedet, Bäume gefällt, Brennholz gehackt, Beeren gesammelt, Waren verteilt und gehandelt werden. Sobald nur ein Aspekt aus dem Gleichgewicht gerät, bricht nach und nach die komplette Infrastruktur zusammen. Ein schnelles Eingreifen ist nicht mehr möglich, man kann nur noch zuschauen, wie alles zugrunde geht und es dauert viele Spieljahre, das wieder hinzubiegen. Ohne Essen geht erst mal gar nichts. Ohne Feuerholz erfrieren die Leute, ohne Eisen und Holz kein Werkzeug, und ohne das bricht die Arbeitsleistung in allen Bereichen drastisch ein. Dann hat man vielleicht alle Plätze mit Bauern besetzt, die können die Ernte aber nicht rechtzeitig vor dem ersten Frost einholen. Schon klopft der Hungertod an die Tür.

Die Bauern haben im Winter auf dem Feld nichts zu tun und helfen darum an anderer Stelle aus.
Die Bauern haben im Winter auf dem Feld nichts zu tun und helfen darum an anderer Stelle aus.
Die Dorfbewohner sind recht anspruchsvoll. Um das allgemeine Gesundheitsbefinden hoch zu halten braucht es nicht nur Kräutersammler oder Ärzte. Der Nahrungsmix muss stimmen. Niemand mag gerne Tag ein, Tag aus nur Bohnen oder Kohl essen. Fisch, Lamm, Hühnchen, Wild, Beeren, Zwiebeln, Wurzeln, diverse Nüsse, Früchte, Gemüsesorten, eine Vielzahl an Nahrungsmitteln müssen auf den Tisch kommen. Felder bringen einen guten Ertrag, wenn es denn genug Arbeitskräfte gibt. Zu spät ausgesät und der Acker ist bis zum Herbst nur halb bewachsen, zu spät geerntet und die Frucht verdirbt beim ersten Frost auf dem Feld. Nutztiere liefern das ganze Jahr über Nahrung, Wolle und Leder, müssen aber erst einmal vermehrt werden, damit genug Tiere da sind um die Herde am Leben zu halten. Bis Obst- und Nussbäume Früchte tragen, vergehen ebenfalls Jahre und nach ein paar Jahren sind die Bäume hinüber und müssen neu herangezogen werden.
Überschüsse können bei Händlern gegen neues Saatgut oder dringend benötigte Ressourcen getauscht werden.
Überschüsse können bei Händlern gegen neues Saatgut oder dringend benötigte Ressourcen getauscht werden.

Um an neue Tierarten und Pflanzen zu kommen, muss erst einmal genug erwirtschaftet werden. Mit Überschuss kann man Handel treiben. Insbesondere um an neue Tiere zu kommen muss viel investiert werden. Ein einzelnes Tier vermehrt sich nun mal nicht, und bis der Händler nach Monaten oder sogar Jahren wiederkommt und man wieder etwas angespart hat zum Eintauschen, ist das einzelne Schaf auf der Weide bereits verendet.

Damit der Händler überhaupt kommt, muss ein Handelskontor am Wasser gebaut werden. Jedes Gebäude braucht mal mehr, mal weniger Holz, Stein und Eisen. Zu Beginn genügt es, die Umgebung des Dorfes danach abzugrasen, bald ist es da aber ratzekahl leer. Mit dem Holz sollte man auch nicht zu gierig sein, denn Waldfrüchte, Heilkräuter und Wild benötigen die Bäume. Ohne die fällt ein wichtiger Nahrungs- und Rohstofflieferant weg. Schnell wird klar, es braucht einen Steinbruch und eine Mine. Wieder muss Baumaterial zusammengeklaubt werden, wieder die wenigen Dorfbewohner auf die neu geschaffenen Posten verteilt werden.

Wird die Ernte nicht rechtzeitig eingeholt, verdirbt sie beim ersten Frost und die Dorfbewohner müssen Hunger leiden.
Wird die Ernte nicht rechtzeitig eingeholt, verdirbt sie beim ersten Frost und die Dorfbewohner müssen Hunger leiden.

Von den Dörflern hat man entweder zu viele, die einem dann die Haare vom Kopf fressen, oder zu wenige, so dass notwendige Arbeiten nicht erledigt werden können. Nur wenn das allgemeine Befinden und die Gesundheit gut sind, vermehren die die Dorfbewohner. Selbst wenn in den vorhandenen Häusern eigentlich genug Platz wäre, zieren sich die Siedler für Nachwuchs zu sorgen. Mehrgenerationenhaushalt ist nicht sonderlich beliebt, so dass die Nachkommen lieber in ein Eigenheim ziehen, um sich fortzupflanzen. Die Bälger brauchen gut zehn Jahre, bevor man sie in den Steinbruch schicken darf. Bis dahin bedienen sie sich freilich in der Vorratskammer und verputzen so viel wie jeder Erwachsene. Mit einer Schule leisten die Kids später zwar bessere Arbeit, damit hat man den Nachwuchs aber nochmal ein paar Jahre länger an der Backe. In der Zwischenzeit scheiden die Alten dahin oder stellen sich umstürzenden Bäumen in den Weg. Hat man endlich alle Ressourcen für ein Rathaus zusammen, schauen gelegentlich ein paar Nomaden vorbei, die sich im Dorf ansiedeln wollen. Je nachdem wie viele das sind, kann das gut oder schlecht sein. Einerseits bekommt man Arbeitskräfte um offene Stellen zu besetzen, andererseits hungrige Mäuler, die schnell neuen Wohnraum brauchen um im Winter nicht zu erfrieren und mit Werkzeug ausgestattet werden müssen, von denen eigentlich nie genug da sind.

Nach mehreren Versuchen läufts dann auch mal rund. Die Nahrungsversorgung ist gesichert, es gibt Überschuss zum Handeln, es werden ausreichend Werkzeuge hergestellt, Feuerholz kommt genug nach, sogar die Geburtenrate stimmt, so dass wegsterbende Alte trotz Schule rechtzeitig kompensiert werden können. Mit ankommenden Nomaden wächst das Dorf und nach gut 50 Spieljahren liegt die Einwohnerzahl bei etwa 150. Der Dorfkern ist zugebaut, die Umgebung bewirtschaftet. Zeit sich auszudehnen und eine neue Siedlung in der Region zu erschließen. An den Steinen mangelts noch etwas, darum zieht sich der Ausbau – mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Wenn kein Unwetter dazwischen kommt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Versorgungslücke geschlossen ist. Und die Unwetter habe ich vor Spielbeginn deaktiviert.

Fazit: Nach gut 30 Stunden Einarbeitung bei viel Frust und Ehrgeiz, bietet Banihed sicher nochmal so viele Stunden an Spaß und Spannung, denn das Aufbauen hat jetzt erst richtig begonnen. Städte zu errichten mit mehreren Hundert Einwohnern ist eine ganz neue Herausforderung. Wem die Warenwirtschaft in Tropico gefallen hat, kann mit Banished nichts verkehrt machen. Wer eher auf seichte Aufbaustrategie wie in der Siedler- oder Anno-Reihe steht, könnte sich hier die Zähne ausbeißen.

Für einen Indie-Titel bietet Banished auch ohne festgelegter Spielziele eine hohe Komplexität und Spieltiefe. Die 3D-Grafik ist wirklich schön anzusehen und braucht sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken. Wetteranimationen und der Wechsel der Jahreszeiten sorgen für ausreichend Atmosphäre, ebenso wie der Soundtrack, der dezent im Hintergrund bleibt und auch nach Stunden nicht auf die Nerven fällt.

Es ist erstaunlich, was das Entwicklerstudio Shining Rock Software hier geleistet hat, insbesondere wenn man bedenkt, dass das Spiel von Luke Hodorowicz komplett im Alleingang entwickelt, gestaltet und programmiert wurde. Der arbeitete zuvor als Grafikprogrammierer bei Vicious Cycle Software, hatte nach gut zehn Jahren aber genug davon nur Grafiken zu erstellen. Mit seinem Ersparten machte er sich selbständig und begann 2011 mit der Entwicklung von Banished. Bereits kurz nach Verkaufsstart im Januar 2014 wurde Banished zu Spitzenzeiten bereits von 25.000 Menschen gleichzeitig gespielt. Das Spiel gibt es auf Steam für 18,99 € – auf der Homepage des Studios gibt es das schon für 19,99 $ (etwa 16 Euro) als DMR-freie Variante inklusive zusätzlichem Steam-Key.

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