Johannes und die Rainbow Warriors

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Leichter Tau bedeckt die noch braunen Grashalme am Ufer des halbgefrorenen Sees. Die Stille der Natur beruhigt meine lärmgeplagten Ohren. Die Luft ist noch kalt und feucht.

Während die ersten Frühlingsvorboten ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken, gehe ich in mich, während ich auf einer Bank sitze und sinniere.

Das letzte Mal, als ich auf dieser Bank saß, hatte ich ein hartgefrorenes Eis, das meinen erhitzten Kopf gekühlt hat. Die Enten auf dem See versuchen, energieeffizient ans Ufer zu gelangen.
Menschen drehen ihre Runden. Menschen, denen im Sommer nichts mehr fehlen wird, als ihre unmodische und in gewagten Farbkombinationen gestaltete Funktionskleidung. Bevor auch der letzte Krokus aus der Erde blitzt, muss die wind- und wasserabweisende Funktionsjacke noch einmal an die frische Luft, um dann endlich den wohlverdienten Sommerschlaf halten zu können. Neben Thermosocken und Wanderstiefeln wird sie dann fein säuberlich in den Schrank gepackt.

Aber auch Funktionskleidungsmenschen, die erkannt haben, dass diese Art der Körperumhüllung nicht unbedingt hässlich sein muss, erwecken meine Aufmerksamkeit. So fallen sie an einem solch grauen Tag schon von weitem auf. Wie Rainbow Warriors mit quietschbunten Pudelmützen, neonfarbenen Jacken und Hosen in Reihen formatiert marschieren sie auf. Hierbei macht es keinen Unterschied zwischen Geschlecht und Alter, hauptsache ordentlich bunt und selbstverständlich naturverbunden. Schon ein mancher Regenbogenkrieger hat auf diese bunte Art den Winter vertrieben.
Spaziergänger mit Stöcken, die Spitzen im besten Falle mit Gummipuffern versehen, laufen an solchen Tagen an einem vorbei und immer wieder stellt es mich vor ein Rätsel, wozu doch diese Stöcke gut sind.
Ist das ein neues Spaziergehaccessoire? Spießt man damit die Rainbow Warriors auf, wenn sie einem zu nahe kommen, oder sammelt man damit die Hinterlassenschaften ein, die der ein oder andere Hund unterwegs verliert? Vielleicht tut man dieser Spezies Unrecht, denn eigentlich sorgen sie nur für Sauberkeit. Laden sie die Nutzer der Stöcke mit Energie?
Der Schönheit des Gangbildes sind sie jedenfalls nicht dienlich.

Hundebesitzer, die nach einer Weile des Zusammenlebens ihren Hunden ähnlich sehen, kreuzen den Weg. Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Frauchen des Langhaarterriers exakt die gleiche Haarfarbe und -struktur ihres geliebten Vierbeiners annimmt. Wenn aber das Herrchen den Hund an der Leine führt, die Fellnase aber dem Frauchen gleicht, dann fragt man sich:
Hat das Herrchen zunächst den Hund ausgesucht und dann nach diesen Kriterien das Frauchen gewählt, oder war es andersrum, und was passiert zu Hause, wenn es solch eine Konstellation gibt?
38H
Mütter, die unter der Woche ihrem 40 Std. Job nachgehen und am Wochenende versuchen, das Beste aus ihren Sprösslingen rauszuholen, gibt es wie Kieselsteine am Seestrand an solchen Tagen. Hochmotiviert und mit zielgerichtetem Blick traben sie ihren Kindern hinterher, die einfach nur versuchen, vor der ehrgeizigen Mutter mit dem Fahrrad abzuhauen, damit man die Alte einfach mal nicht reden hört.
Hört man unter der Woche auch höchst selten.
Der Junge mit dem Fahrrad ist natürlich auch in Funktionskleidung gehüllt, leider hat die ehrgeizige Mutter jedoch vergessen, die Kinderhände mit Handschuhen zu versehen. So macht das Bübchen erst mal eine Pause am Ufer und weint, weil seine Hände vor Kälte fast absterben. Die Mutter sieht man panisch nahen, die Hände in den Jackentaschen. Was wenn sie jetzt hinfällt?

Geschult im Krisenmanagement ruft sie schon von weitem den Namen des Jungen und gibt Anweisungen. Fast beim Erfrierenden angekommen, nimmt sie die Hände aus der Tasche und beginnt wild zu klatschen :

“ Klatschen Johannes, klatschen! Nicht weinen Johannes, nicht weinen! Johannes!“

Johannes aber kann gar nicht klatschen, denn seine Hände sind am Fahrradlenker festgefroren. Statt dem Weinenden die Hände zu wärmen, steht der Muttermotivationscoach vor dem Kind und klatscht, als ginge es ums Überleben.

Immer ein gutes Vorbild sein! So stets in jedem Elternratgeber geschrieben.

Trösten und Händewärmen? Überbewertet. Das macht im Büro auch niemand.

Viel Glück auf deinem Weg nach oben, Johannes. Wir werden Beifall klatschen.

Kopfschüttelnd richte ich meinen Blick nach unten, greife in meine Tasche, nehme die Papiertüte mit dem trockenen Toastbrot und füttere die Enten, die ihren Weg ans Ufer gefunden haben.

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Disclaimer: Die Schlecht gelaunt-Reiseberichte sind subjektive, misanthropisch gefärbte und vollkomme undifferenzierte, stellenweise…