Fiese Texte: Kunst und Leerstand

40c584a22d0c11e3930222000ab5c515_7Ein Graus ist ein Spaziergang durch die Dörfer und Vorstädte in den strukturverarmten Gegenden der Republik. Herzzerreißend, dass die alten, traditionsreichen Gebäude, in denen vor nicht allzu langer Zeit noch Schleckermärkte beheimatet waren, nach der Insolvenz selbiger nicht ausschließlich alle mit Sportwettenlokalen, Casinos und Ein-Euro-Bullshit-Läden gefüllt wurden, sondern vor sich hin verfallen. Schlimm genug, dass Tante Emma und Onkel Otto ihre Kram- und Tabaklädchen dichtmachen mussten. Ein bisschen tragisch immerhin auch: Nicht einmal Aldi, Netto, Lidl und Konsorten von der widerlichen Discountergang können sich mit Plastikwurst und pappigen Backwaren aus dem Automaten halten und hinterlassen unzählige Quadratmeter ungenutzter Fläche in bulligen, kargen, rechteckigen Gebäuden. .

Es mangelt nicht an Leerstandskonzepten: Wie die Aasgeier kommen Künstler aus ihren gammeligen Ateliers geflogen und stürzen sich auf die sterbende Infrastruktur.
Und wo vorher noch Opa seine alten Schuhe besohlen ließ und Oma ihre Eier kaufte, stehen plötzlich hässliche Plastikstatuen herum, an den Wänden kleben Schwarzweißfotografien (analog) von Dingen oder Personen, die man sich nicht einmal live und in Farbe anschauen möchte. Menschen trifft man in den Läden nur für sehr kurze Zeit an, nämlich zur Ausstellungseröffnung, wo ausschließlich Künstler sind, sich mit billigen Prosecco zuprosten und sich mit unbescheidener Theatralik auf die Schultern klopfen – man habe schließlich etwas gegen den Leerstand und gegen die Verödung des Alltags getan. Dann zieht der Kunstmob weiter, und in den Schaufenstern verrotten die Exponate, so sie nicht schon vorher verottet waren. Man hat schließlich an diesem Wochenende noch zwei weitere Ausstellungen im Leerstand, eine Lesung und ein Konzert, wo eine Band spielt, die an regulären Konzertlokalitäten keiner buchen möchte, so grauselig ist sie.

Bunter werden die Vorstädte durch diese „Art“ nicht, sondern nur noch trostloser.
Wäre ich ein Künstler, so könnte mein Kunstprojekt sein, den Leerstand mal Leerstand sein zu lassen, und ihn als künstlerischen Protest gegen den Leerstand und seine Vereinnahmung von Künstlern einfach mal leerstehen zu lassen.

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Ein supergesundes Angeberessen, das ziemlich schnell zubereitet ist und auch noch lecker…