Schlecht gelaunt in Bari

Disclaimer:
Die Schlecht gelaunt-Reiseberichte sind subjektive, misanthropisch gefärbte und vollkomme undifferenzierte, stellenweise halluzinierte Schilderungen über unmotiviertes Herumtrotten in der Fremde. Wer sich berufen fühlt, seine Region/Heimatstadt aus albernem Lokalpatriotismus heraus verteidigen zu müssen, kann dies gerne tun und uns schreiben. Wir drucken’s dann fein säuberlich aus und schmeißen’s weg. Versprochen.

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„Was macht Ihr denn in Bari?“, fragten mich mit ungläubigen Gesichtern nicht nur unsere Freunde zu Hause, sondern auch Andrea, unser italienischer Vermieter, der uns vom Flughafen in Bari mit seinem japanischen Kleinwagen abholte. „Urlaub.“ – „Aber warum Bari?“

Bari erfüllt auf dem Papier tatsächlich einige Erwartungen: der Flug kostet zum Beispiel in der Vorsaison weniger als eine Bahnfahrt von Saarbrücken nach Frankfurt, zudem liegt die Hauptstadt der Provinz Apulien am Meer, und ein kurzer Check bei wetter.com offenbarte an guten Tagen immerhin einige Grad mehr im März im Vergleich zum trüben Deutschland.

Für alle, die immer noch nicht wissen, wo in Italien sich Bari befindet: es ist etwa die Ferse vom Stiefel.

Auf der Fahrt vom Aeroporto di Bari-Palese “Karol Wojtyla” nach Bari zeigt sich Gastgeber Andrea wenig von seiner Heimatstadt überzeugt: die Leute in Bari seien nicht besonders nett, im verhassten Lecce sei es zudem viel schöner, was natürlich aber auch kaum jemand freiwillig zugeben würde. Studiert hat er in Rom, Kommunikationswissenschaft, dann kehrte er nach Bari zurück und eröffnete einen kleinen Teeladen, genau an der Grenze zwischen Alt- und Neustadt. Im gleichen Gebäude -ein Stockwerk darüber- liegt auch meine Unterkunft. Andrea ist formidabler Host – freundlich, völlig unkompliziert und hilfsbereit. Seine Kurzzeitmieter sind anscheinend hauptsächlich Russen, die die Basilika des Heiligen St. Nikolaus besuchen.

Andreas freundliche Art und sein gemütliches Apartment in der perfekten Lage zwischen zwei Welten ist der erste von einigen Lichtblicken inmitten einer merkwürdigen Reise in die Hauptstadt Apuliens.
Die Stadt offenbart sich mir in den folgenden Tagen als ein janusköpfiger Bastard, der, kaum dass er einen in jenem Augenblick anlächelt, nur darauf wartet, einem im nächsten Moment mit einer dümmlichen Fratze auszulachen.

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Die alte Welt, die Città Vecchia, die Altstadt – enge, verwinkelte Gassen, ein Labyrinth aus Wegen und Straßen, oftmals nur so breit, dass gerade so zwei Motorroller aneinander vorbeipassen. Ihren ursprünglichen Zweck, potentielle Angreifer von See auf die Stadt zu verwirren, würde sie heute auch noch erfüllen, bloß gebe es für Seeräuber und plündernde Horden heutzutage in der Altstadt nichts zu holen. Hier ist die Basilika St. Nikolai. Und hier war in den 90er Jahren ein Hauptquartier der apulischen Mafia, der Sacra Corona Unita.
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Jetzt gibt es hier lediglich die schlechtgekleidetsten Jugendgangs Europas, und es gäbe wahrscheinlich wahnsinnig viel mehr Kleinkriminalität, wenn man nicht alle zehn Meter Carabinieri und Gemeindepolizei postiert hätte. Leute mit ähnlicher Sozialisation wie ich fühlen sich in Gesellschaft von Bullen und Gangsterstyle-Kids gleichermaßen unwohl, was einem die Aufenthalte in der Città Vecchia etwas versäuert. Dabei ist sie architektonisch wunderschön charmant – wie aus dem Bilderbuch trocknet die Wäsche auf Leinen, die zwischen den engen Häuserbuchten gespannt sind. Regnet es, deckt man sie pragmatisch mit Nylonfolien ab und schafft bizarre Plastikgeister, die über den Köpfen schweben. Richtig dunkel wird es in den Gassen nie, die hellen Steine reflektieren die Straßenlaternen und tauchen auch in finsterer Nacht alles in gelbes, gedämpfetes Licht.
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Mysteriös auch: Nie kann man sich sicher sein, wenn man vor einem der Häuser steht – ist das nun eine Kneipe, ein Friseursalon oder gar nur ein einfaches Wohnhaus. Sind die alten Männer, die dort Karten spielen, vielleicht die Überbleibsel der Sacra Corona Unita, oder die letzten alten Fischer, die die verschwindende Sprache der Città Vecchia noch verstehen, jenes Pidgin zwischen italienisch und griechisch, was sonst nur noch von griechischen Fischern gesprochen wird?

Verlasse ich meine Unterkunft und stehe vor Andreas Teeladen, habe ich zwei Möglichkeiten. Gehe ich nach rechts, nach Norden und betrete ich die Città Vecchia oder wende ich mich nach links und gehe in die Neustadt. Säuberlich in Quadrate eingeteilt, rechte Winkel, hohe Häuser…H&M,Gucci,Louis Vuitton, Pizzerien, Gelaterien beziehungsweise Frozen Yoghurt-Läden im Dutzend. Und dazwischen: ein unfassbarer Leerstand…oder nein. Bin ich nur zur falschen Zeit am falschen Ort? War dieser Laden nicht heute morgen noch geöffnet? Steht er seit Jahren leer? Das ist das Mysterium der Neustadt. Da die Gebäude abgefuckt und verfallen sind, ist es unmöglich zu sagen, ob der Besitzer nur seine Siesta abhält, oder das Ladenlokal vor Jahren bereits den Ratten überlassen hat. Jede Straße gleicht hier der anderen, an jedem Geschäft, so erscheint es mir, bin ich vor zwanzig Metern bereits vorbeigelaufen. Warum gibt es hier Fachgeschäfte für Glasperlen? Gibt es Eingeborene, denen man Land abzocken kann? Auf seine eigene Art kann die Neustadt den Geist des Ortsfremden mindestens so verwirren wie die winkligen Gassen der Altstadt. Aber sie ist berechenbarer, dreckiger, langweiliger, und wenn man lange genug in eine Richtung geht, stehen die Chancen ganz gut, auch wieder herauszufinden.
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Wenn einem die Götter aber nicht gewogen sind oder ein wagemütiger Plan einen treibt, wandert man vielleicht nach Osten,die Via Tommaso Fiore entlang, wo Bauarbeiter eine gigantische Brücke über Land bauen und es mehr Hundehaufen gibt, als einem Menschen begegnen. Der wagemutige Plan könnte entstanden sein, weil das Internet verraten hat, dass es hier montags einen schönen Markt gibt, mit Second Hand Klamotten und allerlei Nettigkeiten. Doch er ist nicht da. Und so bleibt der Weg zurück in die Neustadt, durch den Piazza Garibaldi kann man abkürzen, eine Grünfläche kaum größer als ein Parkplatz, wo alte Männer Karten spielen gegen andere alte Männer, jede Spielrunde umringt von einem Dutzend anderer alter Männer, die Ratschläge rufen, schimpfen oder jubeln. Es ist ein schöner Ort, aber man fühlt sich nicht willkommen als Fremder. Dies ist eine Enklave der Hiesigen.
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Entgegen der Warnungen Andreas empfinde ich die Menschen als offen und aufrichtig nett.
Ein Gastwirt gab uns an unserem ersten Tag eine Visitenkarte und bat uns an, ihn bei Fragen einfach anzurufen. Doch Englisch sprechen nur die wenigsten, alle geben sich aber Mühe. Notfalls wird rumgefragt.
Im HamP, einer Burgerbude aus dem Hipsterbilderbuch, die #hashtags an Kreidetafeln an der Wand festgehalten hat, kommt extra der Koch aus der Küche, um die Speisekarte zu übersetzen.
Dafür werde ich mit dem besten Veggiburger belohnt, den ich jemals gegessen habe…aber die janusköpfige Stadt wäre nicht sie selber, wenn ich nicht drei Tage später im gleichen Laden mit der vegane Burgerplatte auch den miesesten veganen Burger meines Lebens gegessen hätte.

Wer meint, man sollte nicht nach Apulien fahren, um in Hipsterburgerläden zu essen, hat einen nachvollziehbaren Standpunkt und begebe sich in die Altstadt, um dort Sgaliozze (frittierte Polenta) und Popizze (frittierter Pizzatag) von einer älteren Frau zu erstehen, die eine Friteuse auf einer Biergarnitur aufgebaut hat. Man solle davon aber nicht zuviel erwarten, ich fand diese lokale Spezialität eher langweilig. Im Gegensatz zu den Focaccio, dem nach regionaler Eigenart mit Griesmehl gebackenen Kartoffelbrot, eine wahre Köstlichkeit. Auffällig: Viele der regionalen Gerichte hören sich an wie lang vergessene Pokemon.
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Apulien besitzt schöne Strände, erzählt man sich. In Bari selber gibt es einen Strand, mit dem dämlichen Namen Tomatenbrotstrand ( “Pane e Pomodoro”), etwa eine Viertelstunde Fußweg von der Altstadt entfernt. Dieser ist weder besonders schön noch groß, allerdings sagte man mir, dass er nur deswegen so vermüllt war, weil an den Vorabenden der selten vorkommende Nordwind den ganzen Müll vom Meer angespült hat.
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Angrenzend an die Altstadt findet man den Hafen von Bari, wo unzählige winzige Fischerboote anlegen. An einem nahen Dock verkaufen die Fischer auf kleinen Tischchen ihren Tagesfang – wer mal selber kochen möchte, kann sich hier zum sehr kleinen Preis eindecken. Die Preise sind allerdings so niedrig, dass ein mulmiges Gefühl ob der prekären Lage der Verkäufer bleibt: Selbst, wenn sie ihren Tagesfang komplett verkaufen, können etliche der Fischer unmöglich mehr als drei oder vier Euro verdient haben. Und die Konkurrenz ist groß.
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Auf die für Süditalien typische Mittagspause – zwischen ein und fünf Uhr geht praktisch überhaupt nichts – kann man sich durchaus einstellen. Trifft diese auf die modernen Geschäfte in der Neustadt, wird es jedoch manchmal bizarr. Wenn das H&M zum Beispiel sonntags abends um halb sieben aufmacht….abends um zehn geht man dann halt essen, oder noch später.

Angesagte Gastronomie in Alt- und Neustadt zu finden ist schwierig. Einmal geht man an einen Pub vorbei und es ist völlig verwaist, während in der Kneipe nebenan kein Platz mehr zu kriegen ist, und nicht einmal zwei Stunden später ist es umgekehrt. Es scheint fast, als gäbe es geheime Vereinbarungen, was jetzt für die nächste Stunde der PlaceToBe ist. Öffnungszeiten generell sind mehr so grobe Richtlinien, und auch eine offene Tür und zwei Leute, die Bier und Wein an der Bar trinken, sind kein Indiz dafür, dass die Kneipe auch wirklich geöffnet hat. Auf eigene Faust das Nachtleben zu erforschen, ist in Bari schwierig. Wohl dem, der hier die Unterstützung Ortskundiger hat.

Bari versagt wohl immer dann, wenn es versucht, touristisch zu sein. Nimmt man die Stadt, wie sie ist, und nicht, was sie gerne sein möchte, kann man eine interessante, wenngleich nicht immer schöne Zeit dort verbringen. Auch wenn mich das Gefühl beschleicht, dass ich diese Stadt nicht zum letzten Mal besucht habe, mehr als ein paar Tage würde ich allerdings auch nicht mehr dafür einplanen.

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