Brett Novak und Kilian Martin – A Skate of the Art

altered-routeSommer, Skaten, Schulschluss…eine verschwitzte saarmerikanische Jugend. Diese beschränkte sich aufgrund von Unvermögen und Untalent jedoch bald auf Logo-Kritzeleien auf der Schulbank und auf die Heldenverehrung in cineastischer Form. Unvergessen sind die Anfänge eines Spike Jonze als Regisseur von Rollbrettschinken wie „Yeah Right!“, „Fully Flared“ (beide für Girl Skateboards, 2003/2007), die sehr frühe Bones Brigade mit „The Search for Animal Chin“ (1987) und meine persönlichen Top 3: „Sorry“ (Flip Skateboards, 2002), „Mind Field“ (Alien Workshop, 2009), sowie Emericas „Stay Gold“ (Emerica, 2010, auch die B-Sides!). Gerade Letzteres bewies, dass der visuellen Ästhetik keine Grenzen gesetzt sind. So hievten in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit eine ganze Reihe Videos das Medium auf ein – wenn man das so sagen kann – ganz neues Level.

Arthouse und Skateboarding

Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf einer Zwei-Mann-Collabo aus Spanien/Californien. Brett Novak lieferte in Zusammenarbeit mit dem aus Madrid stammenden Talent Kilian Martin in regelmäßigen Abständen ein Brett (*hust) nach dem anderen. Novak, ein „filmer, skater, und hopeful video creator“, wie man seinem populären Youtube-Kanal und seiner Homepage entnehmen kann, stammt aus Los Angeles und ist in Sachen Skatevideos der wohl vielversprechendste Arthouse-Regisseur der Gegenwart. Ja, das Label “Arthouse” scheint es in diesem Zusammenhang wirklich zu treffen, denn bei ihm findet man fokussierte, anmutig wirkende und durchwachsene Kurzfilme, die so gar nichts mit den üblichen actionbepackten sowie bespaßungsaffinen „summer blockbusters“ gemeinsam haben und die man von der Szene sonst so gewohnt ist. Dass Novak ein Arbeitstier ist und seinen Job todernst nimmt, zeigt das neueste Werk „Searching Sirocco“. Neben der Veröffentlichung auf einer bekannten Social Media Plattform findet sich so auch ein Kommentar des offenbar müden, aber glücklichen Regisseurs: „One of the most time-consuming and labor intensive films that I’ve ever shot, and hopefully in your eyes worth the wait“.
Alles wird hier zum Skatepark, sogar die Salzwüste. Wie auch schon in früheren, wirklich empfehlenswerten Werken wie etwa „Kilian Martin: Altered route“ (2013), in dem ein abgewrackter Vergnügungspark in der amerikanischen Wüste wieder zum Leben erweckt wird, scheint „Searching Sirocco“ den Weg ins „Arthouse-Skating“ konsequent weiter zu gehen. Novaks Videos setzen nicht nur diesen Sport, in dem der Kreativität und der körperlichen Leistung scheinbar keine Grenzen gesetzt sind, in den Vordergrund, sondern teilen auch der Natur und der urbanen Umgebung die Rolle eines Protagonisten zu. Der Spot selbst scheint sich erst im Kontext von Martins Fähigkeiten zu ergeben. Scheinbar unsichtbar für den Betrachter ergibt sich dieser erst durch Martins schon übermenschliche Lässigkeit, mit der er sein Brett unter seinen Füßen führt.

Kilian Martin – Method Skating?

Googelt man Kilian Martin, liest man oft, dass der 24 jährige neue Standards in der Welt des Skatens zu setzen scheint. Zu Recht wird dieser Ex-Turner mit einem gewissen Rodney Mullen verglichen und nicht minder oft als das vielversprechendste Talent der letzten Jahrzehnte gehandelt. Ob das wirklich stimmt, dass sei jedem selbst überlassen. Er selbst sieht sich jedoch mehr als Künstler, denn als Sportler und arbeitet bei den Drehs hart an seinen Tricks. Diese, so scheint es, werden von Film zu Film ausgefeilter. Die beiden Freunde haben sich gesucht und gefunden. So erkannte Novak, der unter anderem für die visual-effects in Filmen wie „Act of Valor“ zuständig war, schon früh das Potenzial des Spaniers und gewann ihn, neben den oben genannten Kurzfilmen auch für etliche weitere Produktionen wie „Kilian Martin: A Skate Illustration“ (2012), „Kilian Martin: Internal Departure“ (2013), oder „Kilian Martin: India Within“ (2013). Was die Arbeit der beiden so einzigartig macht ist wohl der Umstand, dass sie versuchen, alles so natürlich wie möglich erscheinen –auch wenn es bis ins kleinste Detail geplant ist – und dieses Credo in ihre Arbeit selbst einfließen zu lassen. So äußert Martin in einem Interview beispielsweise, dass er sich streng auf sein Board konzentriert: „Es ist wie eine Beziehung und für mich auch eine Art Kunstform“. Eine Kunstform die hunderttausende Klicks auf Novaks und Martins Youtube-Output bestätigen

Mainstream Skating oder Kunstform?

Jetzt mag man gern behaupten, dass Skateboarding in unseren Tagen kommerziell reichlich ausgeschlachtet wird, man denke nur an die Stimmen gegen NikeSb. Eine solche Arbeit, wie es die jungen (Wahl) Kalifornier abgeliefert haben, trifft da naturgemäß nicht nur auf Zustimmung. Sicher sind ihre Werke nicht bahnbrechend neu, doch diese Liebe zum Detail, die technische Perfektion und auch die visuelle Präsenz suchen Ihresgleichen. Fischaugen-Nostalgie, LSD-Optik, Platzwunden, Dosenbier oder Lo-Fi-Punkästhetik sucht man bei Brett Novak und Kilian Martin vergeblich, das ist klar. Vielleicht besteht ja gerade darin das wesentlich Neue. Finden wird man ihre Werke jedenfalls ziemlich gut.

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"Gar nichts erlebt. Auch schön." - Eugen Egner/Die Tagebücher des W.A. Mozart…