Homburg – Prag

prag

Homburg an der Saar. Hier kommt niemand gerne an, hier will man einfach nur weg. Ich kann mich nicht wirklich erinnern, ob ich diese Stadt jemals in einem positiven Kontext erwähnt habe, aber ich bezweifle es stark. Eher sowas wie: Hanau – das Homburg Hessens. Aber solche Vergleiche schmeicheln keiner der beiden Städte. An einem Montagmorgen im April befinde ich mich jedoch nun am Hauptbahnhof jenes besagten Ortes. Noch dreizehn Minuten bis zur Abfahrt. Genügend Zeit für eine Kippe. Würde ich doch bloß rauchen! Auf mich warten achteinhalb Stunden reinsten Vergnügens mit der Endstation Prag. Vergnügen?

Ja, verglichen mit Busfahrten zwischen Saarbrücken und Prag, während denen zwar Filme gezeigt werden, die einem allerdings herzlich wenig Freude bereiten, wenn man weder gesprochenes Französisch, noch geschriebenes Tschechisch beherrscht. Oder aber verglichen mit der Tristesse eines Studiums der Vor- und Frühgeschichte, dessen Veranstaltungen in verstaubten Kellergewölben – eingepfercht mit einer Horde von Indiana Jones Lookalikes –stattfinden. Daher die bewusste Entscheidung gegen den Bus und gegen das Studium. Der Grund dieser Reise ist dennoch mein Studium. Soziologie: die Wissenschaft von Dingen, die wir alle schon wussten. Wenn wir mal ehrlich zu uns selbst sind, ist dem doch nichts mehr hinzuzufügen, Herr Weber. Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Das Rot der Wagons wirkt auf mich wie ein Warnsignal. Entgleisung! Verspätung! Zumindest aber Staus kommen mir nicht in den Sinn. Immerhin ist der Zug so gut wie leer. Menschen machen eine solch lange Fahrt nämlich nahezu unerträglich. Ich bin ohnehin kein großer Fan des homo sapiens. Wieso? Ich empfehle dazu eine Zusammenfassung der Weltgeschichte bis heute. Das gibt einem einen groben Überblick warum man niemandem zu keiner Zeit trauen sollte.
Im Großen und Ganzen habe ich mich arrangiert, aber geschlossene Räume gefüllt mit großen Gruppen von Menschen wirken auf mich wie eine Art Hasskatalysator. Ich bekomme ein pulsierendes
Gefühl in der Magengegend und möchte einfach nur laut schreien, am liebsten in die Gesichter gut gelaunter Frauen Mitte dreißig, die gerade an einem Junggesellinnenabschied teilnehmen und rosa Shirts mit dem Konterfei der zukünftigen Braut tragen. Nicole, Sandra oder wie sie heißt am Strand von Malle. Sangria aus Eimern und Strohhüte. Ekelerregend.

Kein Grund zur Aufregung. Vier Plätze für mich allein. Ich belege sie schnell mit Gepäckstücken. Ich würde auch jederzeit einen gefüllten Mülleimer neben mich stellen nur um meine Ruhe zu haben. Macht mich das denn zu einem Soziopathen? What would Jesus do? Wahrscheinlich das Gleiche. Wir kommen in Mannheim an. Nur fünf Minuten Verspätung. Ich ziehe meinen imaginären Hut. Chapeau! Trotzdem zweifele ich daran meinen Anschluss in Stuttgart zu erreichen. Sieben Minuten sind nun mal knallhart kalkuliert. Da hat die Bahn ein rechtes großes Vertrauen in ihre Mitarbeiter und ihre Technik. Diese Trottel!
Statt in Selbstvertrauen, sollte man sich wohl eher in Demut üben. Natürlich verpasse ich meinen Anschlusszug in Stuttgart, aber damit hatte ich ja von vornerein gerechnet. Der Mitarbeiter an der Information wirkt nett und hilfsbereit, aber die ausgedruckten Seiten, auf denen die Ersatzverbindungen aufgelistet sind, wirken auf mich wie die schriftliche Bestätigung meiner vollkommenen Untauglichkeit zur Lebensführung, auf die ich schon so lange warte. Doch dieses Mal ist es ausnahmsweise nicht meine Schuld. Ich spiele mich ein wenig auf und behaupte ich müsse zu einem Vortrag an der Karls-Universität. Das ist zwar nicht gelogen, einen Vortrag muss ich tatsächlich halten, aber die Wortwahl lässt es so
wirken, als ob auch andere auf meinen Vortrag warteten. Heute komme ich nicht mehr nach Prag. Oder doch? Ein Lichtblick? Der nette Herr traut sich fast nicht mir eine weitere Option
vorzulegen, die das möglich machen würde: viermal umsteigen und die Nacht an der deutschtschechischen Grenze verbringen. Ich lehne resigniert, aber dankend ab und entscheide mich
für die Strecke über Frankfurt und Dresden. Besonders sinnvoll scheint mir das nicht, aber mit der Frage nach dem Sinn sollen sich andere beschäftigen. Ich mache, also bin ich…fünfeinhalb weitere Stunden im Zug unterwegs.

Immerhin ICE! Das ist wie unspektakuläres Achterbahnfahren. Und wer würde sich nicht wünschen so lange am Stück Achterbahn fahren zu dürfen? Etwas ausgemergelt komme ich in Dresden an. In Stuttgart hat man mir gesagt, dass sich hier jemand um meine Unterkunft kümmern würde. Die einzige Person, die ich sehe, ist die Putzfrau. Ob sie gemeint ist? Ich bin mittlerweile schon seit zwölf Stunden unterwegs und in meinem Hirn treffen sich vermehrt die falschen Synapsen, so dass ich es für einen kurzen Moment nicht für so unwahrscheinlich halte. Am anderen Ende der Eingangshalle erscheint jemand in Uniform. Wohlmöglich jemand, der mir tatsächlich weiterhelfen kann. Die gute Frau zeigt sich etwas verwundert über meine bisherige Reiseroute, was mich wiederum keineswegs wundert. Homburg – Mannheim – Stuttgart – Frankfurt – Dresden. Klingt nach der Tournee eines Schlagersängers. Vom Bierfest übers Apfelweinmeeting bis hin zum Stollenhappening wäre alles dabei. 5000 Euro Gage, Freigetränke und Hotelzimmer. Ich mal mir gerade meine eigene Schlagerkarriere aus. Mit einem kurzen Telefonat besorgt mir die Bahnmitarbeiterin ein Hotelzimmer unweit vom Bahnhof entfernt und sagt mir, dass ich mich auf jeden Fall erkundigen solle ab wann das Büffet aufgebaut ist. Ich bedanke mich, wünsche einen schönen Abend und mache mich auf den Weg.

Frühstück ab sechs Uhr. Das harmoniert hervorragend mit meiner Abfahrtszeit. Die Rezeptionistin klärt mich auf, dass ich das letzte, ein behindertengerechtes Zimmer, bekomme
und ich mich deshalb nicht wundern soll. Ich scherze, dass ich ja dann am nächsten Morgen in die Dusche fahre kann. Sie lacht gezwungen, rollt verschämt mit den Augen und hofft sicher, dass ich keine Witze mehr mache. Den Gefallen tu ich ihr. Nach Scherzen ist mir mittlerweile wirklich nicht mehr zumute. In die Dusche würde ich trotzdem gerne fahren. Und sie fragt sich bestimmt mit was.

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Lump is a periodic cartoon by Lisa Kistner and Philipp Dunkel. More…