Als ich beinahe…Mundharmonika spielen lernte.


Es begab sich zu Weihnachten im Jahr 2016, als mein guter Freund Dominik mir eine Mundharmonika zum Geschenk machte. Nicht so ein Johnny-Cash-Teil, wie man aus dem Fernsehen kennt, sondern irgendein billiges von der Stange. Vermutlich von kleinen, chinesischen Kinderhänden zu Hungerlöhnen geschnitzt. Ich war erst skeptisch, aber intuitiv ließ ich dann doch mein neues Instrument elegant über die Lippen gleiten und erkannte bereits nach den ersten Tönen mein außergewöhnliches, musikalisches Talent. Ich ließ Melodien von großer Weltmusik enthusiastisch im Raum erklingen, fremde Menschen fassten sich an den Händen und tanzten – und ich wusste: Das ist MEIN Instrument!

Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester vergingen – unaufhörlich fröhliche Liedchen trällernd – wie im Flug. Auch Fred freute sich immer wie Bolle, wenn ich morgens schon freudestrahlend zu meiner Billigmundharmonika griff. Er verließ oft kopfüber die Wohnung – vermutlich, um kulturinteressiertes Publikum von der Straße reinzuholen, weil er so furchtbar stolz auf seine talentierte Freundin war!

Schnell war uns klar, dass die nächste logische Konsequenz nur der Erwerb einer, dem oberen Preissegment angehörigen, professionellen Mundharmonika sein kann, mit der ich mir dann anhand von Youtube-Videos autodidaktisch das Spielen beibringen würde!Wir würden am Lagerfeuer sitzen, Bier trinken und zusammen musizieren!Fred an der Gitarre und ich an der Mundi (wie wir in der Szene sagen) – die Pferde angeleint, jammen wir zusammen dem Sonnenuntergang entgegen.

Ich googelte schon mal diverse Countrysongs, die wir in unser Repertoire aufnehmen sollten und brachte Fred dann dazu, mit mir in die Stadt zu radeln, um im ansässigen Musikladen ein, meinem Talent entsprechendes, Instrument zu kaufen. Dort angekommen, stellte ich zunächst entrüstet fest, dass die Mundharmonika-Abteilung in diesem Laden einem kläglichen Dasein fristete und bestenfalls eine Nischenrolle besetzte. Offensichtlich wurde diesem Instrument keinesfalls eine annähernd angemessene Wertschätzung seitens des Personals zuteil, was somit bedeutet, dass dieses Personal mitnichten eine kompetente Beratung erwarten lässt.

Zum Glück hatte ich mir vorher ein umfangreiches Internetwissen angeeignet, so dass ich der sogenannten „Fachverkäuferin“ bestens erläutern konnte, worin, meiner Ansicht nach, die Vor- und Nachteile von 8-Loch im Gegensatz zu 10-Loch-Mundharmonikas liegen. Davon augenscheinlich wenig beeindruckt, führte sie mich emotionslos zu einer lieblos aufgestellten Glassäule, in der sich drei unterschiedliche Modelle befanden. Nach der ersten ausführlichen, visuellen Begutachtung meinerseits vergab ich im Kopf schon mal ein passendes Punkte-Ranking für die erste Kategorie: „Sieht gut aus“. Denn zu allererst muss sie ja hübsch aussehen!

Auf die Frage, ob ich mal alle drei in die Hand nehmen dürfe, kramte die Verkäuferin wortlos aus ihrer Marlene-Dietrich-Hosentasche einen Schlüssel hervor, mit dem sie die Glastür öffnete. Sogleich erleuchtete ein helles Strahlen, irisierend schimmernd, den Raum und sie überreichte mir die oberste Mundi wie einen heiligen Gral. Ich nahm nacheinander alle drei Instrumente in die Hand, drehte und wendete sie, legte sie behutsam wieder zurück und nahm sie dann alle wieder raus. Muss ja auch gut in der Hand liegen. Erklärte ich der unwissenden Verkäuferin auch, die bereits einen leicht genervten Eindruck auf mich machte.

Gerade als ich fragen wollte, ob ich denn mal reinpusten darf, holte sie auch schon einen kleinen, mit rotem Samt bezogenen, Blasebalg hervor, der aus einer Puppenstube zu stammen schien.
Hygienemäßig war mir das schon irgendwie einleuchtend, erschien mir aber zu Testzwecken völlig ungeeignet. Es besteht ja wohl eindeutig ein Unterschied, ob man die Töne mit seinem eigenen Fleisch und Blut in Form von seinen eigenen Lippen erzeugt oder mit einem lächerlichen Puppen-Blasebalg. Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn dieser Umstand nicht gerade zur Entscheidungsfreudigkeit des Kunden beiträgt!

Nun gut. Letztendlich konnte sie mich von einem kombinierten Produkt überzeugen, das nebst Mundharmonika noch eine Lern-DVD sowie ein mittelschickes Kunstleder-Etui enthielt. 39,95 Euro. Plus 9,95 Euro für „Die große Lagerfeuer-Singfibel: Jeder kann musikalisch sein“. Zwanzig Minuten nach Ladenschluss verließ ich also glücklich das Geschäft, und wir radelten nach Hause – natürlich nicht, ohne unterwegs noch auf meinen gelungenen Kauf gebührend anzustoßen. An diesem Abend wurde es daher leider zu spät, um meine neue Mundharmonika auszuprobieren.

Epilog:
Nachdem meine Mundharmonika nun ein Jahr originalverpackt und unbenutzt im Regal gelegen hat, werde ich beim nächsten Flohmarkt lieber einen anderen Menschen damit glücklich machen. Oder zu Weihnachten.

 

Foto: pixabay.com

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