Kultur Bistro

Normal wie ich bin, habe ich weder Verständnis für Exzentriker jeder Art, noch die Ambition selbst ein solcher zu werden. Sollten aber merkwürdige und für uns aus unserem jetzigen Blickpunkt völlig absurde und absolut nicht nachvollziehbare Umstände mich dazu zwingen, als Sonderling meinen Lebensherbst zu bestreiten, so würde ich gerne ein Kulturbistro eröffnen. Heißen würde es – den Gastronomen-Apostroph noch umschifft, um dann doch bei der Komposition zu scheitern: Dirks Kultur Bistro.
Es gäbe einen Wein der Woche und obskure Flaschenbiere, sonntags einen Jazz-Brunch, so mit richtigem “jatz”, in Würde gealterte Dämlein tränken Weißweinschorle im Biergarten und Siebziger- Jahre-Krautrockopas würden am Wochenende am Tresen auch mal über die Stränge schlagen dürfen – man nähme es ihnen nicht übel.

So ein Laden ist das. Das Essen ist prätentiös und leicht überteuert, und aus Unvermögen und Bequemlichkeit bleibt auch auch das “Gericht der Woche” mal zwei Wochen auf der angeranzten Kreidetafel im Eingangsbereich stehen. Die Gambas sind oft aus, aber schlussendlich geht es hier ja nicht ums Essen, liebe Herrschaften. Junge Leute sind nicht so gerne gesehen, außer sie sind aufstrebende Perkussionistinnen oder haben was aufgeschrieben und tragen es schön vor, distanzieren sich aber von Poetry Slam.

Der Laden läuft nicht so gut und muss auch bald wieder schließen, etwa zu der Zeit, in der ich beginne, einen Fez zu tragen. Und so tuscheln die Leute im REWE in den nachfolgenden Jahren, wenn ich meine JA!-Salami und zwei Dreierpacks der Kräuterbitter-Handelsmarke aufs Band lege: “Guck mal, der Sultan. Der hatte früher mal das Kulturbistro in der Gemeinde.”
Auf dem Dorffest gibt man dem Sultan einen aus, wenn man ihn trifft, vor der Musikbühne. Dort tanze ich, ganz vorne, oft als einziger, zur Coverband, wenn sie was aus den Siebzigern spielen. Auf dem Nachhauseweg komme ich an meinem alten Bistro vorbei, das ist jetzt ein Fitnessstudio. Oder steht vermutlich leer. Ja. Leer. Das ist besser.