Als ich beinahe…grandiose Lomo-Fotos gehabt hätte.

Kamera auf Schreibtisch

Beim Schreiben der Digital-Kamera-Geschichte fiel mir der Karton in unserem Keller wieder ein. Dieser angestaubte Karton, auf dem in großen Lettern „Lomo“ prangert. Lomo ist DAS Synonym für moderne, ausgefallene Analog-Fotografie. Diese farbenfrohen, meist überbelichteten Bilder, die man einfach gut finden muss.

Die Anschaffung erfolgte eines Tages als ich mal wieder zu Besuch bei meiner Schwester in der Hauptstadt war. Ich schlenderte durch Berlin und entdeckte in der Friedrichstraße den einzigen, mir bis dato bekannten, Lomo-Shop, welcher nicht nur alle erdenklichen Modelle samt Zubehör führte, sondern extrem werbewirksam die buntesten, phänomenalsten Analog-Fotos im Schaufenster ausstellte und damit den Köder auswarf.

Klar, dass diese bunte Plastikwelt mich magisch anzog und ich hineingehen musste. Der äußerst sympathische Verkäufer ließ sich auch nicht lange bitten und erklärte mir sehr freundlich und sehr ausführlich alle Kameramodelle, die Lomo jemals auf den Markt brachte und deren einzigartigen Möglichkeiten. Ich war hin und weg!

Zufällig gab es just an diesem Tag ein superstreng limitiertes Supersonderangebot. Die „Diana F+“. Und zwar exklusiv im Set mit allen erdenklichen Objektiven, die man sich zwischen Weitwinkel und Fisheye vorstellen kann. Dazu das Selbstauslöserkabel, einen aufsteckbaren Blitz, den man auch noch mit zwanzig fingernagelgroßen Plastikblättchen bunt einfärben konnte und allerlei anderem abgefahrenen Zubehör, das man ansonsten natürlich alles extra dazukaufen müsste.

Stolze 120 Euro für ein bisschen blau-schwarzes Plastik, das wesentlich billiger anmutet, mag der unbedarfte Laie kurzzeitig denken. Allerdings, so rechnete mir der engagierte Fachverkäufer vor, wären die Ausgaben wesentlich höher, wenn ich nicht jetzt, direkt und sofort zuschlagen würde und es mir stattdessen noch einmal überlegen und schlussendlich später doch alles einzeln kaufen würde. Das leuchtete mir ein.

Ich kaufte also nicht nur das komplette „Diana F+-Set“, sondern selbstverständlich den teuersten Film im ganzen Laden dazu. Wer richtig tolle Fotos will, sollte dann „am Film nicht sparen“. Auch das klang für mich sehr logisch.

Da ich mich und mein „Impulskaufen-und-im-Schrank-verstauben-lassen-Syndrom“ nun ziemlich gut kenne, wollte ich diesbezüglich keinesfalls ein Risiko eingehen und mich direkt frisch ans Werk machen. Mitten auf dem Alexanderplatz angekommen, packte ich alle plastikeingeschweißten Utensilien aus dem 120 x 60 cm großen Karton aus, schraubte die Einzelteile sorgsam zusammen und las mich durch die unterschiedlichen Anleitungen, die aufgrund der 200fachen Übersetzungen jeweils buchdick gebunden waren. Höhepunkt war letztlich das Einlegen des sündhaft teuren Films, was ich ausführlich mit dem Öffnen einer Dose Bier zelebrierte. Aus meinen Kopfhörern dröhnte „The camera loves me“ in Endlosschleife, es konnte losgehen.

Nach jedem Bild wechselte ich euphorisch das Objektiv und suchte im passenden Handbuch die passenden Einstellungsmöglichkeiten in einer mir verständlichen Sprache. Manchmal arretierte ich sogar noch den Blitz dazu und versuchte, die kleinen bunten Plastikblättchen in den viel zu klein geratenen Schlitz zu schieben. Das war ohnehin eine ziemliche Fitzelarbeit, und die aufkommenden norddeutschen Windböen machten das Unterfangen nicht leichter. Gleichzeitig musste ich auf die, am Boden ausgebreiteten, Einzelteile des Sets aufpassen und die fragenden Blicke der Passanten bestmöglich ignorieren.

Als es mehrere Stunden später bereits dunkel zu werden begann, hatte ich 36 phantastische Fotos im Kasten und war furchtbar stolz auf mich. Nicht nur wegen der Fotos an sich, sondern auch und gerade weil ich endlich mal was durchgezogen hatte. Ein spontaner Impulskauf, den ich aufgrund der sofortigen Verwendung niemals bereuen werde! Wahnsinn!

Überglücklich packte ich den ganzen verstreuten Krempel wieder zusammen und wollte mich gerade fröhlich pfeifend auf den Nachhauseweg begeben.

Beim Verpacken der Objektive stellte ich fest, dass ich die ganze Zeit die Verschlussdeckel nicht entfernt hatte. Bei jedem einzelnen Objektiv. Bei jedem einzelnen Bild. Den ganzen Tag. Alle Fotos waren damit einfach nur schwarz.

Ich habe das „Diana F+-Set“ danach nie wieder ausgepackt. Der Karton steht seitdem bei uns im Keller. Vorwurfsvoll prangert in großen Lettern „Lomo“ darauf.
Foto: www.pexels.com

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