Danielle testet – Teil 1: Spagat lernen

Hängebauchgrätsche

Meine Mutter war der irrsinnigen Annahme erlegen, dass es für Kinder gut sei, nicht immer daheim Game Boy zu spielen. Stattdessen hätten sie zwischendrin auch etwas sportliche Betätigung nötig. Leider war ich diejenige, die das ausbaden musste und so wurde ich wöchentlich zum örtlichen Kinderturnen gekarrt. Als Fünfjährige fällt einem ja zunächst auch gar nicht auf, ob man jetzt mehr oder weniger kann als die anderen Kinder. Ich zumindest war froh über meinen schicken ballonseidenen Trainingsanzug und dem Gymnastiktrikot darunter. Und natürlich über das Rumtollen mit meinen Freundinnen in der miefigen Mehrzweckhalle unseres Ortes.

Aber, ihr habt es bestimmt schon kommen sehen, auch dieser Spaß hatte ein Ende. Für mich nämlich genau in dem Moment, als die Turnlehrerin mich zu sich rief und darum bat, mich doch bitte mal nach vorn zu beugen und den Boden zu berühren. Für mich war das eine vollkommen absurde Bitte, wer kann das denn schon? Tja, anscheinend alle Kinder – außer natürlich mir – wie die Trainerin lautstark ihrer danebenstehenden Kollegin erklärte. “Kuck, ich habs dir gesagt! Wenn man das zu mir in dem Alter gesagt hätte, wären meine Hände schon längst auf dem Boden!!”

Was soll ich sagen, von da an kam ich mir vor wie die größte Loserin der Welt. Am Reck konnte ich weder Auf- noch Umschwung, das Rad wollte mir einfach nicht gelingen und Spagat…in meinen Träumen vielleicht. Vorher war mir nie aufgefallen, dass die anderen Kinder das alles viel besser konnten als ich. Ich war einfach zu viel mit Spiel und Spaß beschäftigt. Nun aber wurde mir ständig vor Augen geführt, was ich alles nicht konnte. Wäre ich bloß bei meinem Game Boy geblieben!

So dümpelten mein sportliches Unvermögen und ich die nächsten 29 Jahre lang vor uns hin – bis in meiner Filterbubble immer mehr yogabegeisterte Menschen auftauchten und ich auch gerne mal mit in das sagenumwobene Studio wollte. Der Unterricht beginnt und wie im Film macht es in meinem Kopf “Wuusschhh” und da bin ich wieder in unserer miefigen Turnhalle. Alle machen hier kunstvolle Verrenkungen, nur ich kann das nicht. Und in dem Moment hab ich das so satt. Miefig ist auch meine Laune beim Verlassen des Studios und fortan absolviere ich Yoga in kleinstmöglichen Dosen vorm heimischen Laptop. Natürlich erpicht darauf, dass mich bloß keiner sieht. So vergehen weitere zwei Jahre, bis mir per Zufall in der Düsseldorfer Bahnhofsbuchhandlung das Werk von Eiko in die Hände fällt. „Easy Splits“ verspricht auch selbst den ungelenkigsten Menschen bei Einhaltung des Trainingsplans innerhalb von vier Wochen einen Spagat hinzulegen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um den allgemein bekannten TurnerInnenspagat, sondern um eine Art Seitgrätsche, bei der man aber den Oberkörper auf den Boden ablegt. Ich bin sicher, im Yoga heißt das “das seitlich abgegrätschte Hängebauchschwein”. Ganz bestimmt sogar!

Nach einem kleinen, aber feinen Lachanfall findet mein neues Lieblingsbuch natürlich den Weg zu mir heim und wir beginnen mit dem Training. Und was soll ich sagen? Es tut weh. Höllisch weh. Aber wer elegant “das seitlich abgegrätsche Hängebauchschwein” im örtlichen Yogastudio vorführen will, muss eben auch etwas dafür tun. Die Übungseinheiten sind kurz und übersichtlich. Es gibt zwei Standard- und pro Woche noch eine Extraverrenkung. Nach einem Monat sind die Beine dann anscheinend so gedehnt, dass man ohne Probleme zum Hängebauchschwein wird. Und das sieht nicht nur gut aus. Laut Eiko hilft der Spagat beim Abnehmen, Verbessert die Bein- und Fußstellung, der Körper gerät wieder in Balance, der Bauch wird flacher und das Hüftgelenk wird in die richtige Position gerückt.* Klingt gut? Klingt gut!

Wichtig: Alle Übungen sind schön bebildert in “Easy Splits” dargestellt. Das hier ist nur ein kurzer Anriss um zu verdeutlichen, wie der Übungsmonat vonstatten geht. Ich würde euch dringend raten, nach der genauen Anleitung von Eiko in ihrem Buch vorzugehen. Sonst zerrt sich noch einer was und ich bekomme geschimpft.

Die Basisübungen:

1. Handtuchübung


Dazu legt man ein kleines Handtuch über die Fußsohlen und greift mit den Händen jeweils ein Ende. Mit durchgestrecktem Knie zieht man die Hände dreißig Sekunden lang immer ein bisschen mehr in Richtung Kopf. Aber nur so, dass es noch erträglich ist. Danach das Bein wechseln.

2. Hockgrätsche

Knie nach außen drehen und sich in einer doppelt Schulterbreiten Grätsche hinstellen. Hände auf den Oberschenkeln ablegen und in dieser Stellung 20x in kleinen Bewegungen auf und ab wippen. Dann die Schultern abwechselnd nach innen drehen und somit die Knie stärker nach hinten drücken.

Die Wochenextras:

Woche 1: Innenschenkeldehnung

In die Hocke gehen und das rechte Bein zur Seite ausstrecken, die Zehen des rechten Beins sind aufgestellt (oder wie wir Yogis sagen “der Fuß ist geflext!”). In dieser Position 30 Sekunden leicht auf und ab wippen. Fuß wechseln.

Woche 2: Dehnung an der Wand

Beide Beine in Richtung Decke strecken und mit dem Po an eine Wand heranrücken. Die Beine an die Wand lehnen und diese dann weitestmöglich spreizen – ohne jedoch die Knie dabei zu beugen. 1-2 Minuten lang diese Position mit federnden Beinen halten.

Woche 3: Dehnung auf dem Stuhl
Hierbei wird sich rittlings auf einem Stuhl positioniert, mit den Händen hält man sich an der Lehne fest. So weit wie möglich nach vorne rutschen. Den Oberkörper nach hinten lehnen und die Hüfte dabei 30 Sekunden lang vor und zurück wippen.

Woche 4: Der Endgegner

Jetzt wird es extrafies: Man positioniert sich an einer Türrahmen. Die Tür sollte optimalerwiese in die gegensätzliche Richtung geöffnet sein. Nun setzt man sich mit gegrätschten Beinen vor den offenen Türrähmen und Ellbogen auf dem Boden vorm Körper abstützen. Diese Position leicht schaukelnd für 30 Sekunden halten. Danach den Oberkörper ablegen und wieder unter schaukelnden Bewegungen 30 Sekunden halten.

Nochmal: Bitte macht das auf keinen Fall nach meinen Anleitungen nach. Ich hab euch das nur zusammengefasst, damit ihr mein Leid anerkennt und am Ende der vier Wochen meine Leistung voller Bewunderung zur Kenntnis nehmt. Und wie die erstmal alle im örtlichen Yogastudio kucken werden. Harrharr.

Woche 1:
Ich hab Schnupfen, deswegen kann ich momentan nicht so gut trainieren. So ein Schnupfen nimmt mich immer ganz schön mit. Neben exzessivem Nasenspraymissbrauch und bergeweisem Tempovollschneutzen kann ich leider zurzeit gar nichts tun. Beinübungen sind bestimmt nicht förderlich für meinen Zustand. Kai aus GZSZ ist vor ein paar Jahren in der Serie sogar an einer übergangenen Erkältung gestorben. Das will ich natürlich nicht riskieren. Außerdem ist das Wetter so schön und auf Netflix läuft “Grace and Frankie”. Wie das läuft da immer? Na und? Ich will das jetzt aber kucken. Spagat üben kann ich auch morgen noch. Aber hey, da ist Samstag. Und mit diesem Schnupfen…lieber nichts riskieren. Sonntag, ganz sicher am Sonntag! Das passt ja auch einfach perfekt. Dann weiß ich auch immer genau, wann die Woche vorbei ist. Und es soll sowieso schlechtes Wetter geben. Sonntag ist mein Stichtag! Leider kann ich Euch keine Tonaufnahme meines gerade angestimmten “Sonntag, Sonntag, Hängebauchgrätschentag!”-Chansons zur Verfügung stellen. Aber das Lied hat Schmiss, glaubt mir!

Fünf Wochen später:
Mittwochs. Spoiler: Ich kann immer noch keinen Spagat. Ergo: aus dem nächsten Listenpunkt “Yoga” wird auch erstmal nix. Traurig. Aber hey, es ist Frühling, die Sonne scheint, ich liege eh lieber auf einer Wiese und kucke in den Himmel. Spagat lernen kann ich auch noch im Winter. 2034 oder so.

 


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Zur Premiere unseres neuen Superformats, dem "Abgepudert-Sonntagsausflug", kann man ja mal einen…